236 Gedanken: Web 1.0, 2.0, 3.0 oder doch ganz anders? Und was hat das mit E-Learning zu tun?

1. November 2009

Irgendwie schon verwirrend. Es gibt doch nur ein World Wide Web. Oder? Beleuchten wir die Sache mal näher:

Der Grundstein des World Wide Web wurde 1989 am schweizerischen Institut CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire) gelegt. Hier suchte man einen Weg, Dokumente elektronisch miteinander zu vernetzen, um den Austausch zwischen den Wissenschaftlern weiter zu verbessern. Die Rolle des Anwenders beschränkt sich dabei auf den Konsum von Informationen, dargestellt als Hypertexte, die mehr oder weniger miteinander verknüpft sind. Der Umgang mit dem Internet als Medium in dieser Form ist von Passivität geprägt, denn nur in Ausnahmefällen steuert der Internetnutzer selbst Inhalte, etwa in Form einer eigenen Homepage, bei.

Seit wenigen Jahren ist nicht nur in der Weiterbildungsbranche immer wieder der Begriff „Web 2.0“ oder „E-Learning 2.0“ zu hören und zu lesen. Insbesondere derjenige Personenkreis, der sich intensiv mit E-Learning auseinandersetzt, also Wissenschaftler, Bildungsverantwortliche oder Entwicklerfirmen, bewundert diesen Trend. Was hat sich vom E-Learning der Version 1.0 zum E-Learning der Version 2.0 geändert?

Es kann insbesondere von einer Weiterentwicklung auf didaktischer Ebene des Lernens mit Multimedia und dem Internet ausgegangen werden, als auch von einer technischen Weiterentwicklung von Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten und der Darstellung onlinebasierter Lernmaterialien. Beispiele dafür sind Wikis, Podcasts oder Weblogs („Blogs“), die in besonderem Maße für neue, informelle Möglichkeiten des Lernens stehen und den Lernenden in den Mittelpunkt rücken, auch und gerade, was die aktive Steuerung seines Lernprozesses angeht.
Der Diskussion um E-Learning 2.0 ging die Entwicklung des Begriffes Web 2.0 voraus. Dieser entstand im Rahmen einer Konferenz im Jahre 2004, die denselben Namen trug. Seitdem wird der Begriff mit Dale Dougherty und Tim O’Reilly, den Organisatoren dieser Konferenz, in Verbindung gebracht.

Der oft zitierte Michael Kerres sieht als zentrale Charakteristika für das Web 2.0 weniger neue Technologien, als vielmehr die Auflösung bestimmter Grenzen, die im Web 1.0 noch unverrückbar waren. Die wichtigsten dieser Grenzen sind für ihn die zwischen Benutzer und Autor, zwischen lokal und entfernt sowie zwischen privat und öffentlich.
Im Web 1.0 ist für Internetseiten klar definiert, wer Benutzer und wer der jeweilige Autor ist. Diese Trennung verschwimmt im Web 2.0, da Besucher von Webseiten zunehmend eigene Beiträge verfassen und einstellen können, sich somit als Autoren am Angebot beteiligen.

Während im Rahmen von Web 1.0 die Speicherung privater Daten auf dem eigenen Computer bevorzugt wurde und nur öffentliche Daten auf einem Webserver zur Ablage kamen, verschwindet im Web 2.0 die Trennung zwischen dem eigenen PC und einem Webserver, da eigene, zum Teil auch private Daten zunehmend auch auf diesen gespeichert werden. Analog zu dieser Entwicklung spielt es auch zunehmend keine Rolle mehr, wo gelernt wird, da mit entsprechender Technologie und einem Internetanschluß jederzeit auf relevante Daten zugegriffen werden kann.
Wie schon angedeutet, ist im Web 1.0 eine strikte Trennung von privat und öffentlich vorgenommen. Diese Privatheit wird im Web 2.0 jedoch in großen Bereichen des Internet in Frage gestellt und öffnet sich mehr und mehr dem öffentlichen Zugriff. Beispielsweise werden private Daten oder Beiträge in Weblogs oder auch E-Portfolios öffentlich zur Verfügung gestellt.

In der Praxis des E-Learnings werden häufig Selbstlernmedien wie CBT oder WBT eingesetzt. Hinzu kommen in vielen Szenarien Phasen der Präsenz oder der Kommunikation zwischen Teilnehmern und beispielsweise einem Tutor. Diese Instrumente werden dann mittels eines LMS zur Verfügung gestellt, wobei ein Lehrplan vorgibt, wann was auf welche Weise womit zu bearbeiten ist. Nochmal Kerres: Er sieht in dieser Form des Lernens ein Szenario gemäß E-Learning 1.0. Dabei wird von einem Bildungsanbieter Inhalt (Content) produziert und auf einer „Insel“, hier dem LMS, zur Verfügung gestellt. Dieser Inhalt ist für den Lernenden verbindlich, die Aufgabe des Tutors beschränkt sich darauf, die Inhalte zu entwickeln, online zu bringen und den Zugang zu ermöglichen, außerdem überwacht er den Lernfortschritt und betreut den Lernenden im vorgegebenen Maße.

Dem gegenüber sieht Kerres im E-Learning 2.0 statt der „Insel“ nun ein „Tor“ hin zum World Wide Web. Dieses soll dem Lernenden den Weg zu relevanten und interessanten Informationen und Werkzeugen erleichtern und ihm die entsprechenden Wege aufzeigen.

Eine Entwicklung für die Zukunft stellt das Web 3.0 dar. Es verbindet u.a. das semantische Web und künstliche Intelligenz, wenn auch die genauen Definitionen noch nicht ganz Eindeutig sind. Da es sich hierbei (noch) um Zukunftsmusik handelt, sei auch auf die etwas pragmatischere Definition des Vereins für Angewandte Informatik Karlsruhe e.V. (AIK) verwiesen:
„‘Web 3.0‘ steht für das Internet der Zukunft mit den drei zentralen Technologien, die es vorantreiben: ‚Social Web‘, ‚Semantic Web‘ und ‚Service Web‘. Technologien des ‚Social Web‘ ermöglichen die Kommunikation, Interaktion und das gemeinsame Handeln einer unbegrenzten Anzahl weltweit verstreuter Teilnehmer beliebiger Interessensgruppen (Communities). Technologien des ‚Semantic Web‘ sind auf die nahtlose Integration von Daten zwischen heterogenen Informationsanbietern im Web ausgerichtet. Technologien des ‚Service Web‘ schaffen organisatorische und technische Lösungen für eine neue Dienstleistungswirtschaft im Internet, bei der Dienste und Dienstleistungsangebote im Web wie Güter handelbar und zu Mehrwertdiensten kombiniert werden können. Das ‚Web 3.0‘ entsteht durch das intelligente Zusammenspiel dieser drei Kerntechnologien. Es wird gänzlich neue Geschäftsmodelle und Interaktionsparadigmen möglich machen.“

Im World Wide Web wird es immer wieder Trends geben. Der Trend mit der Bezeichnung 2.0 hat sich mittlerweile relativ fest etabliert – Facebook, StudiVz und sonstige Social Network Größen haben es vorgemacht. Was nicht heißt, daß alle Errungenschaften aus dem Bereich dessen, was unter die Definition des Web 1.0 fiele, dadurch zum alten Eisen gehören. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, daß sich die verschiedenen Ebenen vermischen, zu einem Internet-Brei. Oder einer Soße. Vielleicht vergessen wir sämtliche Trends und schauen der Wahrheit ins Auge: Web-Salsa?

Bernd

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2 Responses to 236 Gedanken: Web 1.0, 2.0, 3.0 oder doch ganz anders? Und was hat das mit E-Learning zu tun?

  1. eL-Tut-Web sagt:

    Hallo Bernd,

    toll gemacht!
    Du hast endlich mal etwas Ordnung in mein Web 2.0 Wissen und Halbwissen gebracht.

    Vielen Dank und viele Grüße
    Kerstin

  2. eL-Tut-Web sagt:

    Hallo aus Mexico!

    Bevor hier die naechste Kolumne an den Start geht wollte ich doch auch noch schnell ein Lob und Kommentar dazu abgeben =).
    Habe es vor meinem Abflug nach Mexico nicht mehr geschafft, aber hier gibts ja ueberall gratis-Internet.

    Dein Text Bernd, hat perfekt fuer die Vorbereitung zu meinem Vorstellungsgespraech an der Uni Kaiserslautern fuer das Projekt ¨web 2.0 – integration von E-Larning an der Hochschule¨ gepasst. Just in time sozusagen. War super um mir noch mal in Kuerze einen Ueberblick zu verschaffen und ein paar Dinge nachzulesen. Danke! (Und Danke an die Idee der Kolumne!).

    Inzwischen habe ich die Stelle bekommen – ich bin wieder ¨unterm Hut ¨ 😉 und jetzt gehts ans Eingmachte… Daher waere es toll, wenn Karla Kolumna noch ein paar Quellen fuer den Text oder weiterfuehrende Literatur dazu hat?! Oder schreibt nicht gerade auch jemand an einer Magisterarbeit dazu? Wollte eigentlich den ein- oder anderen Text mit hier nach Mexico nehmen, aber dafuer war dann die Zeit zu knapp.

    Werde jetzt auch erstmal ein bisschen die karibischen Straende unsicher machen, waehrend ihr den Weihnachtsmarkt hoffentlich von mir gruesst am 5.12.! Aber was die Weihnachtsdeko angeht ist Germany wohl eher hinterher- echt unglaublich kitschig hier – und das bei den Temperaturen.

    So, jetzt seid ganz lieb gegruesst und ich bin gespannt auf die naechste Kolumne.

    Gruss der Karibik ans EL-Tut – web 2.0 (?!)

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