236 Gedanken: Emotionen im E-Learning

1. Dezember 2009

Ich denke, wir alle haben es schon, entweder als Studierende oder Tutoren erlebt; ein hochgeladenens Video funktioniert mal wieder nicht, der eingetragene Dozent war bereits seit mehr als 20 Tagen nicht mehr Online eingeschrieben und wir oder die begleitenden Tutoren können nur bedingt helfen. Der zu bearbeitende Text ist wieder mal zu spät online oder das Arbeitspensum wird gerade als zu viel empfunden, zusätzlich führen die permanente Zugänglichkeit der Lernumgebung und die unterschiedlichen Zeitfenster der anderen Teilnehmer zu einem enormen Druck immer „up to date“ zu sein. Andererseits gibt es auch manche Präsenzbegleitung, die beispielsweise nur noch zu einer „Ablegeplattform“ für Texte und Hausaufgabe werden, die in der nächsten Stunde jedoch gar nicht mehr aufgegriffen werden.
Da ist der Frust groß und man sieht – nicht nur der weihnachtslichen Stimmung wegen – „Rot“.

weihnachtliches Rot sehenBei E-Learning werden die Vorzüge von zeitlicher und örtlicher Flexibilität gepriesen, ebenso wie die Textbasiertheit und Speicherung der Beiträge. Kerres (2000) sieht erhöhte Reflexionsmöglichkeiten des Lerninhalts und erhöhte Interaktionschancen (vgl. bsp. Reinmann & Zumbach 2001). Dabei werden von „in E-Learning trainierten“ Dozenten in der heutigen E-Learning-Euphorie die medienbedingten Erschwernisse außer Acht gelassen, die häufig heftige emotionale Reaktionen hervorrufen. Kritische Stimmen betrachten E-Learning hingegen als starr und emotionslos. Betrachtet man vor allem die reinen E-Learning Phasen, lässt sich jedoch das andere Extrem beobachten. Ich bin der Meinung Emotionen werden in E-Learning-Szenarien weitaus intensiver empfunden, weil sich Emotionen durch keinen direkten zeitgleichen Ansprechpartner, wie beispielsweise in Präsenzphasen, stauen und ansammeln und gar explodieren können.
Diese Hintergründe machen deutlich, dass didaktische Maßnahmen notwendig sind, um die Potenziale von netzbasierten Lernarrangements zu realisieren und deren Einschränkungen zu kompensieren. Wie Krapp (2005) richtig verwies, gab es nach der kognitiven Wende in den frühen 1970er Jahren nur wenig Forschungsprogramme zur Bedeutung emotionaler Faktoren im Lehr-Lerngeschehen. Erst in den letzten Jahren werden Emotionen in die Betrachtung des Lernprozesses mit einbezogen. Gabi Reinmann Rothmeier bezeichnet Sie stimmig als vergessene Weggefährten des Lernens. (http://www.imb-uni-augsburg.de/files/Arbeitsbericht_01.pdf )
Vor allem neurobiologische Erkenntnisse zeigen, dass Emotion und Kognition (http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/EMOTION/Emotion-Kognition.shtml ) nicht unabhängig voneinander funktionieren, es also eine Einheit von Verstand und Gefühl gibt.
„Beim Lernen sind Kognitionen untrennbar mit Emotionen verbunden. Emotionen ‚färben’ nicht nur die Lerninhalte, sondern sie steuern auch die kognitiven Tätigkeiten, z.B. die Wahrnehmungen, Erinnerungen, Aufmerksamkeit, Verknüpfungen, Ordnungen […] Lernen ist immer ‚stimmungsabhängig’“ (Siebert 2002, S. 33).

Mittlerweile gibt es viele didaktische Ansätze die Emotionen im Lerngeschehen berücksichtigen, um z.B. Emotionen zu regulieren (Astleitner 2000, FEASP-Ansatz), zu integrieren (Thissen 2004, D.E.S.-Ansatz) und zu reflektieren (Stimmungsbarometer Zürich, Onlinebarometer bzw. eSamb Augsburg). Die Möglichkeiten Emotionen bei der Gestaltung des Gesamtkonzepts zu berücksichtigen sind außerordentlich vielfältig.

Der Aufsatz von Astleitner empfehle ich allen – nicht nur an konkreten didaktischen Massnahmen Interessierte – als Anfangslektüre, weil hierbei nicht nur explizite technische Umsetzungsvorschläge aufgeführt werden (ob denn nun alle so sinnvoll oder nötig sind, sei in Frage gestellt), aber viel wichtiger fand ich den Aufsatz als Plädoyer für die Kompetenz bzw. Sensibiltät des Lehrenden oder Tutor, die Emotionen der Studierenden zu erkennen und aktiv und problembewusst umzugehen. Wir haben es denke ich, alle zur Genüge erlebt, ein stimmiges Gesamtkonzept ist das A und O eines jeden E-Learning-Kurses, aber wenn Verzögerungen und kleine Fehler auftreten, sollten wir trotzdem nie die Studierenden und deren Reaktionen aus dem Blick verlieren.

Wenn wir nun alle in besinnliche Stimmung sind, sei auch festgehalten, dass schon wieder ein Monat vergangen ist . Der erste Advent ist gekommen und gegangen, aber von weihnachtlichem Wetter kann ich in Heidelberg noch wenig erkennen Vielleicht bringt uns Stephen dieses Wochenende aus München mal ein wenig Schnee mit.

An dieser Stelle sei nochmals eine herzliche Einladung für die am Samstag stattfindenen 6. Expertenkonferenz des aktuellen eL-Tut-Kurses ausgesprochen.
Sie findet am 5. Dezember 2009 ab 14:00 Uhr im Raum 130 des IBW statt.
Als Ende ist 17:30 Uhr angepeilt. Danach treffen wir uns auf dem Weihnachtsmarkt — auch dazu eine herzliche Einladung!.

Am Sonntag kommt ja bekanntlich der Nikolaus und nicht der obige Weihnachtsmann, also schnell am Samstag Abend nach dem Weihnachtsmarkt noch die Schuhe putzen. Viel Spaß!

Viele Liebe Grüße
Kerstin

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2 Responses to 236 Gedanken: Emotionen im E-Learning

  1. eL-Tut-Web sagt:

    Hallo Kerstin,

    erstmal Respekt: Spannender Text und sehr interessantes Thema!
    Beim Lesen dachte ich zuerst, der Behaviorismus hat mich wieder. Später stellte ich dann überraschende Parallelen zum NLP fest, da wird auch immer versucht, einen möglichst „ressourcevollen“ Zustand über positive Emotionen herzustellen.

    Gespannt bin ich auf die Umsetzungsvorschläge in multimedialen Lernumgebungen. Habe mal den Text von Reinmann-Rothmeier angelesen, die dortigen Vorschläge kommen mir allerdings noch nicht wirklich neu vor, beziehen sich außerdem schwerpunktmäßig auf WBT’s. Mal schauen, was da sonst noch so steht.

    Danke Dir und viele Grüße
    Bernd

  2. eL-Tut-Web sagt:

    Hi Bernd,

    wenn du konkreter Hinweise willst, schau dir Astleitner an. Dir wird zwar auch vieles bekannt vorkommen und einiges ist meiner Meinung nach zu viel des Guten, allerdings sind auch ein paar gute Vorschläge dabei.

    Lg Kerstin

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