236 Gedanken: Der Konnektivismus – Trend, Eintagsfliege, Lerntheorie oder -konzept?

1. Juli 2010

Als Konnektivismus wird eine Lernkonzeption verstanden, die als Folge des multimedialen Lernens und dessen Möglichkeiten und Neuerungen entstanden ist (George Siemens, 2005). Diese Konzeption gibt dem Lernen im und durch das Netz und das Netzwerk eine zentrale Bedeutung.

Behaviorismus oder Kognitivismus, selbst Konstruktivismus reichen demzufolge nicht mehr aus, um der Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft Rechnung zu tragen. In einer globalisierten Welt ist es kaum mehr möglich, alle Erfahrungen am eigenen Leibe zu durchleben, zumal das Wissen in exponentiellem Ausmaß wächst, wobei im Umkehrschluß sehr viel Wissen auch sehr schnell veraltet. Damit muß sich die Art des Lernens und der Kommunikation verändern. Laut Siemens hat es das auch schon getan, denn das Lernen erfolgt in einem Wechselspiel zwischen Individuum und Umwelt und ist dabei grundsätzlich an einen Kontext gebunden. Wobei der größte Teil des Wissens eines Individuums durch andere Individuen, Organisationen oder Datenbanken aufgenommen wird. Dies macht deutlich, daß Lernen ein Prozess ist, der nicht nur von einem Individuum, sondern auch in hohem Maße von dessen Umfeld abhängig ist. Die Sicherung des Wissens kann also nur dann problemgerecht und aktuell erfolgen, wenn bedarfsgerechte Netzwerke vorhanden sind.

Ein konnektivistisches Lernsystem benötigt also eine offene Lernumgebung, welche außerdem eine Anzahl an Interaktionsmöglichkeiten für die Netzwerkteilnehmer bietet. Die Teilnehmer müssen die Fähigkeiten mitbringen, für ihren Lernprozess relevantes Wissen identifizieren, bewerten, beschreiben und gemeinsam weiter entwickeln zu können. Ein Lehrender, so vorhanden, übernimmt die Rolle eines Mentors, der aktiv zuhört, bei Bedarf Feedback gibt oder berät. Dabei stellt er nicht nur die Mittel und Methoden zur Verfügung sondern schafft aktiv der Entwicklung förderliche Situationen, die eine optimale Wissensaneignung unterstützen.

Sicherlich ist der Konnektivismus keine Lerntheorie im eigentlichen Sinne, eher ein Lernkonzept. Dieses greift die gesellschaftlichen Veränderungen hinsichtlich des Lernens auf und fügt diese Konsequent in Lernprozesse ein. Insbesondere Instrumente des Web 2.0 stehen dabei im Mittelpunkt und erlangen Bedeutungszuwachs, da sie bereits heute schon den Austausch von Wissen und die Entwicklung von Kompetenz in Netzwerken über das Internet unterstützen. Somit kann der Konnektivismus als eine Erweiterung bestehender Lerntheorien aufgefaßt werden, die insbesondere die gesellschaftlichen Veränderungen als Antwort auf die Globalisierung im Lernverhalten aufgreift.

Mittlerweile existieren etliche Tools, die darauf abzielen, den Konnektivismus und die Ansätze George Siemens´ umzusetzen. Ein Beispiel ist pipes.yahoo.com. Es basiert auf der Idee, daß die Pipes (siehe obige Abb. aus: George Siemens, Knowing Knowledge, 2006) letztlich wichtiger sind, als der eigentliche Inhalt und man über diese Pipes immer wieder zu relevanten Ergebnissen gelangen kann. Ausprobiert und kurz beschrieben wurde die Yahoo Anwendung im Weblog „Lernen heute“ (http://lernenheute.wordpress.com/2007/02/11/ein-neues-lernparadigma-der-konnektivismus/). Ebenfalls auseinandergesetzt hat sich mit den Pipes Zeit Online (http://www.zeit.de/digital/internet/2009-09/yahoo-pipes?page=1).

Die dabei erzielten Ergebnisse lassen teilweise fast schon an semantische Konzepte denken – eventuell also eine Art Vorläufer für das sogenannte Web 3.0 der Zukunft?

Bernd

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9 Responses to 236 Gedanken: Der Konnektivismus – Trend, Eintagsfliege, Lerntheorie oder -konzept?

  1. eL-Tut-Web sagt:

    Hallo!

    Und mal wieder Danke Bernd, dass du immer meine aktuellen ‚Forschungsthemen‘ in 236 Wörtern kurz umreißt =). Bin gerade auch daran, mich mit dem Konnektivismus zu beschäftigen für einen neuen Projektantrag von meinem jetzigen Projekt: Duales Studium 2.0. Mein Chef möchte den Konnektivismus darin als konzeptionelle Grundlage darstellen – ich bin noch etwas skeptisch. Aber ‚Lernkonzept‘ klingt schon mal gut =). Der K. scheint es wohl doch wert, sich etwas genauer damit auseinanderzusetzen (auch wenn ich doch den Konstruktivismus so mag =)).

    Auf meinem Schreibtisch liegt übrigens gerade ein Buch zu Web 3.0 – AAAAAAAAAaaaaaaaaahhhh….!!! Wird das vielleicht Thema der nächsten Kolumne? Oder PLUs – persönliche Lernumgebungen?! Bin weiterhin gespannte, interessierte Leserin und evtl. auch mal Verfasserin…

    Viele Grüße und kühle Köpfe in die virtuelle Runde, Judith

    PS: Wir werden Weltmeister!!!

  2. eL-Tut-Web sagt:

    Hm ja, der Konnektivismus.
    Seit ich diesem Begriff das erste Mal begegnet bin, frage ich mich, was er mir sagen soll. Daher, Bernd, ganz herzlichen Dank für diese Zusammenfassung. Aus Deinen Worten lese ich allerdings eine ähnliche Skepsis, was die systematische Stellung und die Aussaggekraft dieser Idee angeht.

    Ist es — ganz so, wie es Siemens selbst behauptet — eine ‚Learning Theory for the Digital Age‘? (http://www.itdl.org/Journal/Jan_05/article01.htm)
    In den derzeit aktuellen Einführungen zum eLearning wird der Konnektivismus gerne mit aufgenommen. Aber meist ist dort nicht mehr zu lesen, als dass das eine interessante Entwicklung sei, die ihr Potential erst noch entfalten müsse.
    Bei Daniel Rey (http://www.elearning-psychologie.de/konnektionismus.html – dort aber: Konnektionismus) findet sich darüber hinaus noch eine Spur, die in der aktuellen Diskussion oft fehlt: Der Konnektivismus besitzt eine noch breitere Basis. Mit Konnektivismus wird auch eine Denkschule in der Neurologie, KI-Forschung und Philosophie (ähnliche Herkunft wie beim Konstruktivismus also vgl. z.B.: http://www.phillex.de/konnekt.htm) bezeichnet, die Lernen als Verknüpfungsleistung zwischen den Neuronen des Gehirns betrachtet (Stichwort: neuronale Netze). Bei aller begrifflichen Übereinstimmung gibt es hier aber einen erheblichen Unterschied (der so manche Missverständnisse in der Rezeption verursacht): Hier wird Lernen wieder aus der Perspektive eines Individuums (oder genauer: Gehirns) betrachtet, während der Siemens-Konnektivismus Lernen gerade vom Individuum abzulösen trachtet und als Netzwerk-Lernen beschreibt (http://www.astd.org/LC/2005/1105_seimens.htm).
    Darin liegen aber auch meine Zweifel begründet: Lernen ist anstrengend, von Interessen abhängig und, ganz platt gesagt: Lernen kann nur jede/r für sich selbst. Lernen ist eine höchst individuelle Angelegenheit, die wir als Lehrende zwar anregen, begleiten und in gewissem Maße auch lenken können. Aber steuern im Sinne von determinieren, vorherbestimmen oder vorhersagen können wir es nicht. Und der Konnektivismus wirft einen interessanten Blick auf unser Verhalten im Netz und unseren Umgang mit (Wissens-)Inhalten, aber er schweigt dazu, wie Lernen selbst funktioniert — oder gar wie Lehre aussehen könnte.
    Der Konektivismus löst bei mir in der Sache kaum Wiedersprüche aus. ‚The Pipe is more important than the content within the pipe‘. Ja, so sieht Lernen heute oft aus, da sich Wissen schnell zu ändern scheint und im Leben unsere Flexibilität und in der Wirtschaft unsere Anpassungsfähigkeit verlangt wird. Aber das Wissen, welche Pipes wichtig sind und wie sie funktionieren, ist auch nur ein Inhalt. Schorb hat es Struktur- und Orientierungswissen genannt und als Voraussetzung (1997) bzw. essentiellen Bestandteil von Medienkompetenz (2005) betrachtet.
    In den Kernaussagen, z.B. der Bedeutung der sozialen Konstruktion für das Lernen, wiederum steht der Konnektivismus dem Konstruktivismus so nahe, dass die Unterschiede schwer zu finden sind — nur dass der theoretische Unterbau derzeit noch schwächer ist bzw. sogar ganz fehlt. Das ist aber sicherlich ein Problem der Kinderjahre, noch ist der Ansatz ja im Aufbau. Allerdings lese ich in den Publikationen oft ein dahinterstehendes kognitivistisches (individuelles) Lernverständnis heraus, das wieder ganz klassisch davon ausgeht, dass Wissensbestände und -strukturen in die Hirne und neuronalen Netze übertragen werden. Die Erkenntnis, dass wir nicht einfach die Welt in uns abbilden, geht verloren.
    Und so komme ich zu dem Schluss, dass der Konnektivismus doch keine Lerntheorie ist, sondern unseren Umgang mit Wissen(-sressourcen) beschreibt und damit Anregungen geben kann für wissens- und technikbasierte Lernszenarien. Explorative Lernformen in selbstorganisierten Gruppen ohne ausdrückliche Lehre(nde) können von dieser Sichtweise profitieren.
    Diese Kritik, es handele sich nicht um eine Lerntheorie sondern um eine pädagogische Sicht auf Bildung, hat bereits 2006 Pløn Verhagen (http://www.surfspace.nl/nl/Redactieomgeving/Publicaties/Documents/Connectivism%20a%20new%20theory.pdf) formuliert. Siemens bestreitet dieses aber wortreich (http://www.elearnspace.org/Articles/connectivism_self-amused.htm), indem er den Nachweis unternimmt, dass der Konnektivismus eine Theorie (sic!) sei…

    Aber es bilde sich am Besten jeder eine eigene Meinung. Ich bin gespannt von Euch zu hören.
    Stephen

  3. eL-Tut-Web sagt:

    Hallo und schönen Wochenstart in die Runde!

    Dein Beitrag Stephen, erinnert auch etwas an Konnektivismus, wie ich mir ihn vorstelle – viele Pipes, Kanäle und Wissen, das auf den ersten Blick so eindimensional scheint, aber doch so viele Dimensionen und Weiterleitungen, Abzweige und neue Meere und Seen im großen ‚Wissensfass‘ erschließt.
    Das mit der ‚pipe‘ und dem ‚content‘ (bei dir kursiv) ist auch für mich der Kern des Ganzen, wie ich es momentan verstehe…
    Ich erinnere mich auch noch an die Recherchen zu meiner Magisterarbeit über Lerntheorien und dem ‚komischen‘ Konnektivismus da ganz oben auf dem Treppchen bei Frau Reinmann über dem Konstruktivismus. Mit ein paar Fragezeichen zu dieser Hierarchie bei dir, Stephen in der Sprechstunde damals taten wir ihn auch als ‚interessante Entwicklung‘ mit nicht mehr und nicht weniger Gedankenverschwendung ab.

    Tja, und nun müssen wir uns doch wieder damit rumärgern=)! Vielen Dank daher für die vielen Links und Anregungen! Darf ich deinen ‚Beitrag‘ zitieren? Wie zitiert man denn Forenbeiträge =)? Eigentlich geht das vermutlich ja gar nicht so einfach. Mmh… Und wie war das mit den Plagiaten 😉 ? Werde mich erstmal durch die Pipes schippern und vielleicht bleibt ja schon genug Stoff dabei hängen. Hoffe, ich verheddere mich nicht und werde euch von meinem Kurztripp durch die Pipes berichten.

    Bis dahin ganz liebe Grüße aus Kaiserslautern,

    Judith

  4. eL-Tut-Web sagt:

    Hallo nochmal,

    also nach meiner Kleinen Rundfahrt durch die Pipes und Kanäle des K. – und bevor schon wieder die ‚August-Kolumne‘ ins Netz geht – noch schnell ein paar Eindrücke dazu:

    Zunächst musste ich einmal feststellen, dass das mit dem ‚Know Where‘, das Siemens ja betont wirklich ein zentraler Punkt des Ganzen ist. Stephen – nach Schorb – hat es ja auch mit Medienkompetenz in Zusammenhang genannt.
    Und für mich ist das ‚Where‘ gerade eindeutig in Papierform auf meinem Schreibtisch =). Vielleicht habe ich ja auch zu wenig Medienkompetenz oder bin zu sicherheitsliebend, dass mir das Wissen, zu wissen wo ich was finde irgendwie nicht ’sicher‘ genug erscheint.
    Oder der Wandel der Lernkultur hat bei mir noch nicht ganz bewirkt, auf den Bestand der ‚Netze‘ und Pipes zu vertrauen?! Was, wenn es mal einen Rohrbruch gibt? Oder gar eine ganze Ölkatastrophe, die alle Wissensseen und -Meere auslöscht? Tja, dann habe ich hier – mehr oder weniger fein säuberlich abgeheftet – noch ein Wissensgebirge auf meinem Schreibtisch liegen. Nach mir die Sintflut also ;o) und danke Stephen noch einmal für die Knoten und Verlinkungen – besonders der Studienbrief von Frau Reinmann wird wohl noch in Zukunft mehr Beachtung von mir bekommen. Der sieht auf den ersten Blick sehr gut aus…

    Die ‚Lerntheorietreppe‘, die ich im letzten Beitrag erwähnt habe, mit der ich mich im Zusammenhang mit meiner MA-Arbeit auseinandergesetzt habe, stammt übrigens nicht von Reinmann sondern Sauter/Sauter. Aber falls jemand Reinmanns Publikationen bei Amazon suchen möchte, wird Amazon bestimmt alle Wissensknoten zum glühen bringen und euch (weil es ja perfekt ‚connectet‘) mit Sicherheit Folgendes im Abspann liefern: ‚Dieses Buch könnte Sie auch interessieren: Sauter/Sauter: Blended Leearning‘ oder ‚Andere Leser dieses Buches kauften auch: Sauter/Sauter: Blended Learning‘.

    Ich denke, dass der Konnektivismus mit seiner ‚Mitdenkerei‘ gerade zwar noch unbewusst, aber im Hintergrund unserer Internettätigkeiten äußerst anschaulich demonstriert, wie ‚wertvoll‘ Wissen auch sein kann und was lieber doch in Gebirgen auf unseren Schreibtischen landet…

    Sonst begrüßt mich mein facebook gleich mit: Vorschläge für neue Freunde: Gabi Reinmann, Michael Kerres, George Siemens & Bernd Schnücker… =) – ne, die Pipe haben wir auch alleine gefunden, oder?! Mhh, weiß gar nicht mehr – war es doch facebook, das eines Tages sagte: ‚kennen Sie Bernd Schnücker?‘

    In diesem Sinne erstmal Grüße an diesem ‚Cloud Tag‘ =), Judith

  5. eL-Tut-Web sagt:

    Hallo,

    vor lauter Knoten und Netzen hatte ich in meinem letzten Beitrag meine wichtigste Erkenntnis für den Forschungsantrag für den ich den K. ja recherchiert habe, zu formulieren.

    Da es bei diesem Forschungs- und Entwicklungsprojekt, für den der K. als Hintergrundkonzept dienen soll (darf hier wohl nicht zu viel ‚verraten‘), auch um betriebliches Wissensmanagement mit Persönlichen Lernumgebungen, etc. geht, ist auch der Finanzierungsplan nicht unwichtig.

    Daher muss bei der Konzeption vor allem berücksichtigt werden, dass bei den Teilnehmern für ausreichend Medienkompetenz gesorgt wird und selbstgesteuertes Lernen gefördert wird. Und dafür braucht man qualifiziertes Personal und gezielte Maßnahmen/Schulungen, die hier ansetzen – und das kostet Geld…

    So, jetzt wars das aber erstmal von mir und viele Grüße, Judith

  6. […] Dieser Artikel ist auch im eL-Tut Blog erschienen, dort finden sich die […]

  7. […] Dieser Artikel ist auch im eL-Tut Blog erschienen, dort finden sich die […]

  8. […] Eine fundierte Analyse des Konnektivismus findet sich auf diesem Blog (mit einiger Literatur) https://eltutblog.wordpress.com/2010/07/13/der-konnektivismus-trend-eintagsfliege-lerntheorie-oder-ko… sowie im auch sonst empfehlenswerten Blog von Claudia Bremer […]

  9. […] wir dafür Medien verwenden? Beschreibt vielleicht der Konnektivismus, den wir in einer vergangenen Kolumne (und den dazugehörigen Kommentaren) eher skeptisch betrachtet haben, diese neue entgrenzte […]

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