236 Gedanken: Regeln, selbständiges Handeln und Pädagogik

1. Juni 2010

'Sinnvolle' Regeln..Hallo liebe Leute,

neulich bin ich mal wieder mit dem Fahrrad in die Innenstadt gefahren und in einer einschlägigen Situation ins Nachdenken gekommen: Wie war das noch? Darf ein Fahrradfahrer vor einer roten Ampel rechts an den wartenden Autofahrern vorbei nach vorne durchfahren, wie es gängige Praxis ist? Oder muss ich mich eigentlich hinten anstellen? Nachvollziehbare Argumente für beide Seiten sind schnell gefunden; Fälle und Situationen, die für die eine oder andere Regelung sprechen, lassen sich reichlich finden. Wie groß muss der Abstand zwischen den Autos und dem Bordstein sein, damit ich es noch okay finde, mich durchzuzwängen? Und was ist mit den Autofahrern, die absichtlich ganz rechts rüber ziehen, dass keiner mehr durchkommt? Soll ich da auf mein (vermeintliches?) Recht bestehen?

Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Zweifel kamen mir am Sinn einer ganz genauen Regelung dieser Frage. Natürlich, im öffentlichen Straßenverkehr mit seinen Gefährdungen und seiner nicht unbedingt friedlichen Grundstimmung ist es sicherlich gut, Zweifelsfälle zu klären und eindeutige Regeln zu formulieren. Aber das Grundproblem ist ein aus der Pädagogik wohlbekanntes: Wie gehe ich mit Regeln um?

Ein ständiges Beispiel ist die Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen. Gibt es gar keine Anwesenheitspflicht, wird es immer diejenigen TeilnehmerInnen geben, die kaum erscheinen; wenn sie doch auftauchen, dann stören sie die Arbeit im Seminar, da sie schnell den Anschluss verpasst haben. Und am Ende möchten sie noch einen Leistungsnachweis haben. Aber wofür eigentlich? Die entgegengesetzte Alternative ist allerdings in meinen Augen kaum sinnvoller: Die Anwesenheitskontrolle. Eine 100%-Anwesenheit zu verlangen, ist in meinen Augen kaum vertretbar. Denn irgendetwas kann jedem mal dazwischen kommen — und es muss ja nicht gleich eine (attestierbare) Krankheit sein. Gründe, warum etwas anderes wichtiger ist, gibt es genügend; auch das gehört zum Studium, dass man eigene Entscheidungskriterien dafür entwickeln muss. Nehme ich aber die übliche Regelung her, dass zwei Fehltermine erlaubt sind, kann ich eine Wette mit sehr guten Chancen abschließen, dass mindestens 80% meiner TeilnehmerInnen genau zwei Mal im Semester fehlen werden. Ich muss ja nur ein paar Jahre zurückdenken und mir an die eigene Nase fassen.

...unter präzise formulierten Bedingungen...

Eigentlich möchte ich meine Veranstaltungen so interessant machen, meine Studierenden so sehr fesseln, in das Lerngeschehen verwickeln, dass sie gerne und aus eigenem Antrieb kommen. Aber wie gesagt: Ernst zu nehmende Gründe, nicht zu kommen, gibt es zuhauf. Ach, und einmal werde ich doch fehlen können, das macht doch nichts.

Also versuche ich einen festen Rahmen an Regeln zu finden, der einerseits sagt, was ich mindestens erwarte, innerhalb dessen aber genug Luft bleibt, eigenverantwortlich zu handeln. Wenn jemand dann doch gar nicht kommt (bzw. online eine Woche nichts von sich hören lässt), drücke ich meine Erwartung aus, dass das Versäumte nachgeholt wird — dabei geht es nicht so sehr um das formale Abliefern von Aufgaben sondern um die gedankliche Auseinandersetzung.

Damit sind wir aber bei einer tatsächlichen Schwierigkeit dieser Lösung: Sie baut auf einem gemeinsamen Verständnis davon auf, dass Lehrveranstaltungen für alle Beteiligten zum Lernen da sind. Das muss allen bewusst sein. Wenn sich jemand mit dem Stoff auseinander setzt, ist das Ziel erreicht — nicht wenn irgendwelche Regeln eingehalten sind.

Dagegen steht, dass damit auch dem Ausnutzen der Freiräume die Tür geöffnet ist — denn natürlich gibt es diejenigen, die versuchen, mit möglichst wenig Aufwand durchzuschwimmen. So den wertvollen Schein zu ergattern ohne sich der ‚Anstrengung des Lernens‘ zu unterziehen.
Dazu zwei Dinge: Zum einen sehe ich es als meine Aufgabe an, Lernen zu ermöglichen. Aber wer das nicht möchte (oder, und das macht es schwierig: anders und anderes lernt, als ich selbst sehen kann) soll auch das tun können, wenn er niemanden damit behindert. Zum anderen folgt für mich daraus, dass ich einen Kontakt zu meinen Lernenden herstellen muss, dass ich verstehen kann, was da gerade los ist, warum jemand gerade einen Hänger hat.

Zwei gewichtige Gründe sprechen in meinen Augen für genaue Regeln: Zum einen sollen sie verhindern, dass einzelne die Mühen der anderen ausnutzen und sich damit eine Leistung bescheinigen lassen, die sie selbst gar nicht geleistet haben. Die Fairness den anderen Studierenden (die ggf. die Gruppenarbeiten für die Fehlenden mit erledigen) gegenüber verlangt dies.
Zum zweiten sind — Bernhard Bueb zum Trotze — Regeln auch ein wichtiger Anhaltspunkt: Was wird hier von mir verlangt? Was soll ich hier tun? Wie (…meint zumindest der Dozent…) gehe ich am geschicktesten vor, dass ich etwas mitnehmen (‚lernen‘) kann? Als Lehrender muss ich vorher meine Erwartungen offenlegen, damit die Lernenden wissen, was sie erwartet.

Die Kehrseite der Regeln sind aber ebenso gewichtig: Die Wahrnehmung wird so auf diese Anforderungen verengt. An erster Stelle steht die Pflichterfüllung, das Einhalten der geforderten Norm. Darüber hinausgehende Kreativität, Engagement für das eigene Lernen wird nicht gerade gefördert. Dagegen, Leuten einen Schein geben zu müssen, die zwar brav die geforderten Dinge abliefern aber darüber hinaus sichtbar wenig mitgenommen haben, ist man wehrlos.

Wo, wenn nicht in Schule und Uni, soll man selbständiges, eigenverantwortliches Handeln lernen? Ich beobachte, dass im öffentlichen Leben die Bedeutung von genauen Regeln und Regelbefolgung zunimmt. Gesetze, Verordnungen, Ausnahmeregelungen, Nutzungsbedingungen, Ausführungsbestimmungen, Beschränkungen, Benutzerhinweise usw.
Läuft ein unglücklicher junger Mann an einer Schule Amok, so ist das schrecklich. Der sofort erschallende Ruf nach Waffenverboten und Schließregeln für Munition schafft dann zwar klare, nachprüfbare Regeln, geht aber am Kern der Sache vorbei. Nur: Dafür zu sorgen, dass Jugendliche sich gar nicht erst so isoliert von der Welt fühlen, und dass sie dann nicht zur Waffe greifen, das lässt sich nicht auf dem Gesetzes- und Verordnungswege regeln (Nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, dass die bessere Kontrolle des Zugangs zu Waffen schlecht sei oder nicht ein erster Schritt sein könnte. Es kratzt aber nur an den Symptomen, nicht an den Ursachen, und schafft so eine trügerische Sicherheit). Und der §1 der StVO ist sicherlich — auf einer anderen Ebene natürlich — in einer unklaren Situation mit Autoschlange und Radfahrer an der roten Ampel wertvoller als eine Verkehrsregel mit genauen Zentimeterangaben und definierten Randbedingungen.

So halte ich es für wchtig, dass wir Freiräume schaffen, in denen der ‚gesunde Menschenverstand‘, Augenmaß, Menschenkenntnis, Einfühlung und Kompromissfähigkeit eingeübt werden anstatt sture Regelbefolgung — auch in dem pädagogischen Feld des eLearning.

Sich auf dieses Spannungsfeld einzulassen hat einen Nachteil: die wenigen, die es schaffen, es für sich auszunutzen und sich durchzuschlunzen — aber viele Vorteile: Die vielen, die davon profitieren, die etwas mitnehmen, die die gegebenen Freiräume für sich nutzen können. Und die finde ich es wert!

Nachdenkliche Grüße aus München
Stephen

P.S.: §5 Abs. 8 StVO

...oder lasst alle Blümlein blühen?

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