236 Gedanken: Typisch!

1. Februar 2010

Hallo liebe Leute,

der Januar ist auch schon wieder vorbei. Und das Semester nähert sich seinem wohlverdienten Ende. Für mich bestand dieser Abschluss darin, gestern einen neuen eL-Tut-Jahrgang ‚in die Freiheit‘ zu entlassen. Dafür ist letzte Woche der Lehrauftrag für ein neues Seminar im nächsten Semester in meinen Briefkasten geflattert. Noch einmal wird also ein neues Kapitel dieser Geschichte geschrieben.

Ein Thema in der Tutorenausbildung, das wir aus Zeitgründen nie vertiefen konnten, ist die typografische Gestaltung von Text. Diesen Monat möchte ich diese Kolumne dazu nutzen, etwas zur Welt der Schriften zu schreiben. Die erste Frage ist: Was ist Typografie und was soll das?

Typografie ist die Gestaltung von Texten mit Hilfe von (Satz-)Schriften, also das, was jeder von uns tut, wenn wir uns an den Computer setzen und z.B. eine Hausarbeit oder einen Brief schreiben. Schriftsetzer war einmal ein Lehrberuf, für den eine lange Ausbildung bis zur Meisterschaft nötig war. Heute hat jeder von uns einen Computer mit hunderten von Schriften und ein Programm, das uns mit ein paar (meist weniger guten) Formatvorlagen schnell erlaubt, einen Text zu erstellen.
Die Ergebnisse sind aber oft nicht besonders schön, es begegnen einem auf Schritt und Tritt typografische Fehler und schlechter Schriftsatz. Mit dem Computer wird eben nicht das Know-How mitgeliefert, wie es geht. Von der Lesbarkeit will ich gar nicht erst reden (und das betrifft nicht nur die Uni; man denke nur an die Beipackzettel mancher Medikamente…). Dabei ist es doch möglich, mit gut eingesetzten typografischen Mitteln leicht und unauffällig bereits eine Botschaft zu transportieren.
Gerade eLearning ist zum größten Teil schriftgestützt. Daher finde ich es besonders wichtig, dass dort die Texte nicht nur lesbar sondern auch ansehnlich gestaltet sind. Aber auch Bewerbungen oder Hausarbeiten kommen besser an, wenn sie ’stimmig‘ sind.

Es kann zwischen der Gestaltung der ganzen Seiten (Seitengröße, Papier, Schriftwahl, Zeilenlängen und -abstände, Seitenraster, Bilder etc.) — der Makrotypografie — und der Gestaltung der einzelnen Worte, Sätze und Zeilen (z.B. die Verwendung der richtigen Schriftzeichen…) — der Mikro- oder Detailtypografie — unterschieden werden.

Die Schriften, die es gibt, können grob in Schriften mit und ohne Serifen — die kleinen Häkchen an den Enden der Striche — sortiert werden. Innerhalb dieser Gruppen können sie nach ihrem Charakter (dynamisch vs. statisch) oder ihrer (zeitlichen und geografischen) Herkunft unterschieden werden (siehe Abbildung links). Als Faustregel kann man sagen, dass Serifenschriften (Antiqua genannt) besser zu lesen sind als serifenlose (Grotesk). Die Standard-Schrift, aus der 80% bis 90% aller Bücher gesetzt sein dürften, sind die verschiedenen Varianten der Garamond — und das nicht ohne Grund.
Allerdings gibt es von dieser Faustregel auch bedeutende Ausnahmen. Viele dynamische Groteskschriften sind ausgezeichnet lesbar. So ist es kein Wunder, dass die meisten Schriften, die zur Zeit ‚in‘ sind, diesem Typ zuzuordnen sind (z.B. Meta oder Whitney). Verblüffend, dass gerade die ‚Windows-Standardschrift‘ Times New Roman dagegen relativ schlecht bei der Lesbarkeit größerer Texte abschneidet.
Außerdem gibt es einen Unterschied, ob der Text für Papier oder den Computerbildschirm gedacht ist: Auf dem Bildschirm lassen sich Groteske wegen der gleichmäßigeren Strichdicke besser darstellen. Deshalb wurden Verdana, Tahoma, Calibri usw. so verbreitet.
Ein dritter Schrifttyp sind die ‚Egyptienne‚-Schriften, bei denen die Serifen in etwa die gleiche Dicke haben, wie die anderen Striche. Diese Schriften werden selten für Lesetexte eingesetzt, können aber manchmal für die Gestaltung Wunder bewirken.

Ein weiterer Punkt: Schriften werden von Schriftentwerfern gemacht, die von ihrer Arbeit leben wollen. Daher sind die meisten guten Schriften teuer. Will man mit dem, was standardmäßig auf dem Rechner ist, langkommen, kann es helfen, wenn man weiß, dass viele Schriften unter anderem Namen umsonst verfügbar sind. Die Schrift des Layout des eL-Tut-Web, die Gill (1928 von Eric Gill entworfen), ist z.B. auf vielen Rechnern als Humanist521 vorhanden.
Preisfrage: Gill ist eine der beliebtesten Allzweckschriften. Wo findet Ihr Sie im Alltag? Wenn man die Augen offen hält, ist es erstaunlich, wie oft man ihr begegnet!
Eine Liste, in der einige dieser ‚Alias-Schriften‘ aufgeführt sind, findet Ihr hier (eine auch sonst lesenswerte Seite). Das ist auf jeden Fall besser, als sich die Schriften von sicherlich illegalen Seiten herunterzuladen. Eine weitere Alternative kann (mit Verstand ausgewählt) der Verzicht auf bekannte Namen sein und die Wahl eines Free Fonts. Gute Tipps findet man hier und eine Menge freie Schriften hier.

Wichtig ist es auch, dass man nicht nur die Grundschrift (Roman oder Normal) bekommt. Man benötigt meist auch den fetten (bold), kursiven (italic) und den fett-kursiven (…) Schriftschnitt — sprich: Pro Schrift vier Dateien. Word beherrscht es zwar, jede beliebige Schrift fett und kursiv zu machen, wenn man auf die entsprechenden Knöpfe drückt, das entstehende sogenannte ‚Faux-Fett‘ bzw. ‚Faux-Kursiv‘ ist aber ziemlich gewalttätig und entspricht in keiner Weise dem Original. Ausnahme: Die Frutiger (Adrian Frutiger 1976), deren Kursive wirklich einfach eine um gekippte ‚Normale‘ ist.
Diese vier Dateien schiebt man einfach in den Ordner C:/Windows/Fonts und schon ist die Schrift installiert.

Aber hat man nun eine Schrift gefunden,die einem gefällt, die dem Anlass, der Textsorte und dem Ausgabemedium gerecht wird, wie geht es weiter? Guckst Du hier und — etwas übersichtlicher — hier. In diesen beiden Quellen sind die wichtigsten Regeln der Detail- und Makrotypografie aufgeführt. Damit kann man schon einmal die häufigsten Fehler vermeiden.
Aber wenn Ihr Euch nächer mit dem Thema befassen wollt, hier noch vier Literaturtipps (in ansteigendem Anspruch):

  • Willberg, Hans P.: Wegweiser Schrift. Erste Hilfe für den Umgang mit Schriften. Mainz: Verlag Hermann Schmidt, 2001
  • Willberg, Hans P.; Forssman, Friedrich: Erste Hilfe in Typografie. Mainz: Verlag Hermann Schmidt, 2001
  • Sauthoff, Daniel; Wendt, Gilmar; Willberg, Hans P.: Schriften erkennen: Eine Typologie der Satzschriften. Mainz: Verlag Hermann Schmidt, 1998, 7. Auflage
  • Forssman, Friedrich; de Jong, Ralf: Detailtypografie. Mainz: Verlag Hermann Schmidt, 2004

Bei der Grafik oben rechts habe ich mich an den Taxonomien aus dem ersten und dritten Titel orientiert. Die genial einfache und praxistaugliche Unterscheidung in ‚dynamische‘ und ’statische‘ stammt aus dem ‚Wegweiser‘, die differenziertere nach historischer Epoche aus ‚Schriften erkennen‘. Sie vermag m.E. die Vielfalt der Antiqua-Schriften besser abzubilden

Damit erst einmal wieder viele Grüße aus München
von Stephen

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5 Responses to 236 Gedanken: Typisch!

  1. eL-Tut-Web sagt:

    Hallo zusammen!

    Und Willkommen an die nächste eL-Tut Generation ‚in der Freiheit‘ . Und an alle, die das Semester noch nicht ganz hinter sich gelassen haben noch viel Erfolg auf den letzten Metern (Kerstin, die Daumen sind gedrückt für die mündlichen Prüfungen)!
    Schön, zu lesen, dass auch wieder ‚Nachwuchs‘ kommt oder jedenfalls ein Lehrauftrag in Stephens Briefsammlung liegt =).

    Immer wieder merke ich, dass es sich allein der Bilder und Grafiken wegen lohnt ins eL-Tut zu schauen, anstatt nur die tägliche E-Mail-Zusammenfassung zu lesen. Und diesmal wieder ganz besonders. Die Kolumne war für mich wie ein kleiner Workshop. Sehr spannend und auch die Hilfetexte informativ.
    Nur das mit der Humanist521 – Schrift ist irgendwie komisch. Sie heißt bei mir Humanst521 und sieht doch etwas anders aus, als die gill-Schrift. Gill ist doch die in Illustrierten, Zeitschriften und Co?!

    Auf jeden Fall finde ich die Idee mit Online-Workshops auch gar nicht so schlecht. Kann man sicher weiter ausbauen. Und Themen, die begeistern gibt es doch sicher genug, oder?

    Viele Grüße, Judith

  2. eL-Tut-Web sagt:

    Hallo Judith,

    ja, das war dieses Mal tatsächlich ein kleiner Mißbrauch der Kolumne als Workshop. Aber wie gesagt: Wenn es weitere Themen, Fragen und Interesse gibt, wünsche ich mir, dass sich auch eine andere (und weniger einseitige) Form finden lässt.

    Gill vs. Humanist521 BTAber zu Deiner Bemerkung mit der ‚Humanst521‘: Sie ist wirklich ein vollständiger Nachschnitt der Gill. Zumindest in der Version von Bitstream (…BT), die in CorelDraw-Bibliothek enthalten ist (und die sich tatsächlich ohne ‚i‘ schreibt). Hier im eL-Tut-Blog habe ich beide durcheinander verwendet. Wenn Deine Version so aussieht wie in dem Bild oben unter der Kolumne, dann ist es wohl auch die Gill (und „die in Illustrierten, Zeitschriften und Co“ ist eine der anderen hunderttausend Schriftarten — wobei: Das FOTOmagazin ist bspw. in Gill gesetzt). Aber das ist das Problem bei Schriften und ihren Nachschnitten: Ganz genau weiß man nie, was drinsteckt, wenn man nicht genau vergleicht oder das Original kauft…

    Damit erst einmal viele herzliche Grüße aus München
    Stephen

  3. eL-Tut-Web sagt:

    …P.S.: Magst Du vielleicht noch mal eine Schriftprobe Deiner Humanst521 hochladen? Dann kann man mal gucken, was es ist.

  4. eL-Tut-Web sagt:

    Mmhh… das ist ja komisch. Vielleicht sah Humanst bei mir in word zu Hause doch auch so aus wie bei dir abgebildet.
    Ich habe nämlich gerade kein Internet zu Hause, da ich gerade umziehe und kann daher nichts hochladen …

    Werde aber mal nachsehen und dann berichten sobald die Ikea-Küche steht und der Internetanschluss gelegt ist.

    Viele Grüße, heute aus dem verschneiten Koblenz,

    Judith

  5. eL-Tut-Web sagt:

    Übrigens, hier noch ein Link zum Thema „Welche Schrift heißt wie und wie schützenswert sind eigentlich Schriftschnitte“:
    http://www.sueddeutsche.de/digital/windows-vista-und-seine-schrift-der-bauch-des-a-1.911665

    Und zum Thema der Lesbarkeit von Schrift am Bildschirm eine (empirische) Studie, die überraschende Ergebnisse gezeitigt hat. Hier der Link zu einer Zusammenfassung; die zugrunde liegende Dissertation ist dort im Literaturverzeichnis verlinkt (sie ist auch hier in unserer Bibliothek zu finden…) und ebenfalls lesenswert.
    http://www.designtagebuch.de/wp-content/uploads/2009/08/Martin_Liebig_Die_gefuehlte_Lesbarkeit.pdf

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