236 Gedanken: Netzpranger

Hallo liebe Leute,

unlängst ist ein neues Lied des Countrysängers Dave Carroll mit seiner Band ‚Sons of Maxwell‘ erschienen. Interessant an dieser Reihe von insgesamt drei Liedern ist die Geschichte darin und dahinter. Hört und seht selbst, wie alles seinen Anfang nahm.

Nachdem Carrolls Gitarre beim Flugzeugtransport beschädigt wurde, ging es ihm, wie so vielen Kunden: Keiner war richtig zuständig. Er bekam das dringende Gefühl, abgewimmelt zu werden. Nach längerer eMail-Kommunikation mit einer Kundenmanagerin, Mrs. Irlweg, der aus seiner Sicht zu keinem sichtbaren Erfolg führte, brach er den Mailwechsel wutentbrannt ab und kündigte an, drei Lieder über die Geschehnisse, das Flugunternehmen und seinen Frust zu schreiben – und im Internet zum Download zu stellen. Der erste Streich wurde Anfang Juli 2009 auf Youtube veröffentlicht und löste eine Lawine aus. Nachdem binnen der ersten Woche 2,8 Millionen Nutzer den Clip aufgerufen und über 21.000 Bewertungen und 14.000 Kommentare hinterlassen haben, entwickelte sich die Geschichte zu einem PR-GAU für United — die Geschichte schaffte es bis zu CNN und FoxNews.
Zwei Monate später legte Dave Carroll nach und veröffentlichte das zweite Lied. Darin setzt er sich mit dem Kundenservice der Fluglinie auseinander und fragt, was es heißen könne, wenn es ihnen leid tue — sie aber andererseits keinerlei Schuld bei sich entdecken könnten.
In dem neuesten Lied, das die Trilogie abschließt, singt er über seinen erstaunlichen neu gewonnenen (Internet-)Ruhm und darüber, dass er kein Einzelfall sei. United und andere große Firmen sollten sich ändern, immerhin lebten sie von ihren Kunden.

Diese Geschichte beleuchtet zwei sehr unterschiedliche Seiten des Internet, des Web 2.0:
Schön ist es zu sehen, dass Kunden eine Chance haben, sich gegenüber als übermächtig empfundenen Konzernen durchzusetzen. Und das auch noch mit Humor und Unterhaltungswert. Wie es zwischen Carroll und United ausgegangen ist, möchte ich gar nicht erzählen, das könnt ihr hier selbst nachlesen. Aber aufgrund seiner Erfahrungen und des großen Zuspruchs hat Carroll — neben seiner Musikerlaufbahn — begonnen ein Webportal aufzubauen, auf dem Menschen, die sich von Firmen ungerecht behandelt fühlen, ihre Fälle vorstellen können und Unterstützung erhalten.
So neu ist diese Idee ja eigentlich gar nicht, Kundenbewertungsportale wie ciao.de und ähnliche gibt es schon etliche, auf denen man Lust und Frust loswerden kann (hier etwa ein Beispiel für Campingplätze).
Aber wer schaut das schon alles an? Und wer glaubt alles, was ein frustrierter Kunde an den Internet-Pranger pinnt?
Andererseits packt wohl jeden mal die Lust, sich auf diesem Wege Genugtuung zu verschaffen, wenn im Real Life die Karten mal wieder verkehrt gemischt waren.

Erschreckend finde ich es aber zu sehen, was bei so einer Aktion an ‚Nebenopfern‘ anfällt. Mrs. Irlweg vom United-Kundenservice hatte jedenfalls nicht viel zu lachen bei dieser Geschichte. So wenig, dass Carroll sich schleunigst aufmachte, sie auf dem gleichen Wege in Schutz zu nehmen, wie er ihren Arbeitgeber (und sie als seinen Vertreter) angegriffen hat — per Youtube-Video. Ärger dürfte sie trotzdem genug gehabt haben.
Eine ähnliche Geschichte findet man hier, wo ein anderer kanadischer Musiker die geballte Macht des Social Net auf einen Stalker loslässt. Er wirft ihn via Twitter der Meute vor und lässt mal kurz seine Telefonnummer raus. In Zeiten, wo jeder sich über jeden schnell eine Meinung bilden und dann kontaktieren kann, ein echter Fluch.
Hilft doch nur noch, stets anonym zu bleiben, wie Sarah es vorgeschlagen hat?
Aber darf ich dann den Internet-Pranger nutzen, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, und dabei selbst ‚im Schatten‘ bleiben? Das wirkt doch auch nicht fair, oder?

Damit viele Grüße aus München und einen schönen September wünscht
Stephen

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2 Responses to 236 Gedanken: Netzpranger

  1. eL-Tut-Web sagt:

    So, so da ist es ja wohl nur gut, dass ein Sänger auf diese Idee gekommen ist und nicht ein stimmlich völlig Unbegabter lächelnd
    Ich muss allerdings sagen, auch wenn der Country Style leider gar nichts meins ist, hört sich das 2. Lied, das etwas anders aufgemacht ist, wirklich nicht schlecht an.

    Ich weiß zwar nicht, was es mit dem „Jahrzehnt der Neonfarben und Jaquard-Pullover“ auf sich hat; die Blues Brothers Jake and Elwood, sind allerdings eine wesentlich bessere Musikrichtung, als “ ‚Country‘ und ‚Western‘ “ 😀

    Weil ich natürlich neugierig war, wie das Implementieren von Videos geht, muss ich es auch gleich mal versuchen…

    Juchu!
    Kerstin

  2. […] über uns und unser Bild von uns selbst zu verfügen oder auch unser Zusammenleben und Umgang mit Konflikten und Frustrationen haben sich verändert. Dass sich unsere Welt (bzw. unsere Konstruktion von Welt) sowie unsere […]

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