236 Gedanken: Kommunikation online – altes Thema, neue Impulse?

Ein neues Jahr bringt neue Gedanken, auch wenn die diesen Gedanken zugrunde liegenden Informationen nicht immer neu sind. Also starten wir das so junge neue Jahr mit alten Informationen, aber neuen Gedanken und wünschen in diesem Sinne alles Gute für 2011!

Daß die onlinegestützte Kommunikation mit vielerlei Herausforderungen gespickt ist, wurde mittlerweile hinreichend untersucht, konträr diskutiert und ausführlich dokumentiert.
Als ein Beispiel dafür mögen diese Ansätze dienen: Das Kanalreduktionsmodell postuliert, daß aufgrund der bei der asynchronen computergestützten Kommunikation wegfallenden non-verbalen Anteile die Kommunikationsinhalte weniger relational (im ersten Kommentar angemerkter Tippfehler) sind als bei „face to face“ Situationen (vgl. Hesse et al. 2002, S. 4). Es wäre also zu erwarten, daß eine onlinegestützte Gruppenarbeit unter diesen Umständen schwierig bis unmöglich erscheint. Das Modell der reduzierten sozialen Hinweisreize hingegen begrüßt im Rahmen der computergestützten Kommunikation den Wegfall sozialer Kontexthinweisreize (vgl. ebenda). Der soziale Status des jeweiligen anonymen Gegenübers ist ohne weiteres nicht zu erkennen, darauf beruhende motivationale Einschränkungen bei der Beteiligung an online Diskussionen verlieren ihre Wirksamkeit.

Das Kanalreduktionsmodell und das Modell der reduzierten sozialen Hinweisreize sind beileibe nicht die einzigen Modelle, Thesen, Theorien oder Ansätze, die sich auf computergestützte Kommunikation auswirken (vgl. Wissenspsychologie Wiki, Computervermittelte Kommunikation). Neben dem Wissen um diese Theorien und ihre möglichen Herausforderungen für die online stattfindende Kommunikation und somit auch für das computergestützte interagierende Lernen und für die Betreuung der Kommunikation während onlinegestützter Lernszenarien stellt sich die Frage, welche Vorbereitungen getroffen werden können, um E-Learning zu unterstützen. Oftmals werden die bekannten Theorien herangezogen, um während der Durchführung auf dann auftretende Probleme gut und richtig reagieren zu können. Es werden also gleichsam die Symptome während der Kommunikation bearbeitet, nicht aber deren Ursachen.

Hier könnte es lohnend sein, einen weiteren, häufig im Zusammenhang mit E-Learning genannten Ansatz näher zu betrachten, nämlich das SIDE-Modell (Social Identity model of Deindividualtion). Dieses Modell beschreibt, daß die Salienz, die auf Seiten der Teilnehmer zu Beginn dominant ist, das Verhalten im Verlaufe der computergestützten Kommunikation vorgibt. Ist zu Beginn einer Interaktion die individuelle Identität der Person salient, orientiert sie sich an persönlichen Normen. Ist aber zu Beginn der Interaktion ihre Gruppenidentität salient, wird sie sich im Laufe der onlinegestützten Interaktion an den Normen der Gruppe orientieren (vgl. Hesse et al. 2002, S. 4).

Diese Erkenntnis offenbart interessante Möglichkeiten für ein Blended-Learning Konzept. Denkbar wäre beispielsweise ein Ein-Tages oder Wochenendseminar. Ziel dieses Präsenzseminares wäre es, die  Salienz der Teilnehmer an ihrer Gruppenidentität auszurichten, um ideale Voraussetzungen auf Seiten der Teilnehmer zu schaffen, gruppenorientierte Lernszenarien auch online durchführen zu können.

Eine Präsenzveranstaltung zu Beginn eines Blended Learning Szenarios kann grundsätzlich viele Gründe haben. Der Fokus der Teilnehmer liegt sicher auf inhaltlichen Fragen, auf einer ersten Einführung in das Thema des gesamten Kurses. Aber auch darin, andere Teilnehmer und insbesondere auch die Dozenten kennenzulernen und letztere hinsichtlich ihrer Fachkompetenz einzuschätzen. Ergänzen ließe sich dies nun um Maßnahmen, die es ermöglichen, eine Gruppenidentität zu fördern. Dazu wäre es notwendig, daß sich die Teilnehmer als Teil einer Gruppe verstehen lernen, die entsprechenden Normen verinnerlichen, ihre Mit-Teilnehmer in der Gruppe kennenlernen und einen gruppendynamischen Prozess durchlaufen, an dessen Ende die Chance besteht den vielbeschworenen Team-Geist zu entwickeln. Dieser Team-Geist wäre Begründer der gewünschten salienten Gruppenidentität.

Teamentwickelnde Seminare sind mittlerweile fester Bestandteil vieler Weiterbildungs- und Consulting-Unternehmen. Die erforderlichen Methoden gehören dabei zum Repertoire, finden zum Beispiel in Outdoor-Trainings statt und führen die Teilnehmer durch „Spinnennetze“, über „Hochseilklettergärten“ oder entlang von „Mohawk-Pfaden“. Vieler dieser Methoden sind weniger aufwändig, als sie zunächst klingen und lassen sich im Rahmen eines Ein- oder Zweitagesseminares gut durchführen. Die Teilnehmer sehen diese Übungen oft als angenehme Auflockerung, andererseits lassen sich aus Sicht des/der Dozenten sehr aufschlussreiche Erkenntnisse über den Gruppenprozess gewinnen.

Letztlich könnte hierbei der Grundstein gelegt werden, um gemäß des SIDE Modells für die gewünschte Salienz zu sorgen, so man dieser Idee folgen mag – sei sie nun neu oder alt.

Viele Grüße

Bernd

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One Response to 236 Gedanken: Kommunikation online – altes Thema, neue Impulse?

  1. Stephen sagt:

    Hallo lieber Bernd,

    wieder hat es Spaß gemacht, Deine Kolumne zu lesen. Wie Du Dir vorstellen kannst, hat sie mich ziemlich zum Nachdenken gebracht, denn ich bin ja nicht gerade ein Vertreter des ‚An-den-Anfang-gehört-ein-Präsenztreffen‘-Dogmas, das Du hier mit Argumenten fütterst.

    Aber zuerst bin ich über einen interessanten (Tipp-)Fehler gestolpert, der Dir beim Zitieren unterlaufen ist: Im Kanalreduktionsmodell wird nicht davon ausgegangen, dass die Kommunikationsinhalte durch die fehlenden Kanäle weniger rational sind, sondern weniger relational (vgl. Hesse et al. 2002; S. 286). D.h. es geht in der online-Kommunikation eher um Sachinhalte als um Beziehungen. Diese größere Sachorientierung (und damit Rationalität ) haben wir ja auch schon öfter als Vorteil des online-Lernens diskutiert…

    Durch diesen ‚Verleser‘ bin ich dazu gekommen, noch einmal genauer in Dörings ‚Sozialpsychologie des Internets‘ in das SIDE-Modell hineinzusehen. Demnach verstärkt die Anonymität der online-Kommunikation die zuvor aktivierten individuellen bzw. Gruppenidentitäten (Döring 2003: 174ff). D.h.: herrscht zu Beginn einer eLearning-Veranstaltung eine Gruppenidentität vor, nehmen sich die Lernenden an erster Stelle als Mitglieder dieser Gruppe wahr; ist dagegen zu Anfang die individuelle Identität bestimmend, grenzen sich die Teilnehmenden eher voneinander ab und werden sich ihrer individuellen Besonderheiten besonders bewusst.
    Das bedeutet, wenn es geligt, zu Beginn online eine Gruppenidentität zu stiften, wird diese ebenfalls verstärkt. „Die Gruppenkohäsion und damit einhergehend die lernförderlichen Prozesse der wechselseitigen Unterstützung und Verstärkung können bei netzbasiertem Lernen im Verlauf der Interaktion sogar stärker auftreten als in face-to-face-Situationen“ schreiben Hesse et al. (286f). Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass fehlende Informationen über die Mitlernenden durch Imagination ‚ersetzt’ werden müssen (Döring 2003: 167ff). Das erfordert empathisches Einfühlen in die anderen Gruppenmitglieder — und so wird die soziale Präsenz noch stärker wahrgenommen.

    Das spricht also dafür, dass ein online-Start mit gezielt gefördertem Kennelernen vor dem Hintergrund einer Gruppenidentität („Herzlich Willkommen, Ihr seid der neue eL-Tut-Jahrgang…“) eigentlich zu den besten Ergebnissen führen sollte.
    Meine bisherigen Erfahrungen zeigen allerdings, dass das wahrscheinlich für Studierende in Hochschulseminaren auch zutreffen dürfte, bei Berufstätigen in der Weiterbildung aber leicht schief gehen kann. Ich vermute, zum einen liegt hier die Gefahr der Überforderung weit näher — sei es durch den höheren wahrgenommenen Druck, sei es durch geringere Medienkompetenz oder einfach das Alter. Zum anderen kann das Entwerfen eines Bildes vom Anderen durch Imagination auch nach hinten losgehen — Wenn diese nämlich als konkurrierend oder feindlich wahrgenommen werden. Beim online-Kennenlernen ist also gute Beobachtung und tutorielle Begleitung dringend notwendig, um aufkommende Konflikte schnell zu beheben.

    Soweit meine ersten Gedanken. Eine spannende Frage bleibt die Gruppenkohäsion in online-Gruppen allemal. Mal gelingt es, mal geht es aber auch völlig in die Hose…

    Viele Grüße aus Bayern
    Stephen

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