236 Gedanken: (Ein)gebildete Kompetenz: Medienkompetenz, Medienbildung und eLearning

Hallo liebe Leute,

eLearning und Medienkompetenz gehören irgendwie zusammen. Kaum ein Lehrbuch zum eLearning, in dem nicht Medienkompetenz und ihre Förderung eine Rolle spielen. Um an eLearning erfolgreich teilnehmen zu können, sollte man schon mit einem Computer umgehen können, wissen wie man ins Internet kommt und nur wenige Aufgaben lassen völlig ohne technisches Know-How bearbeiten.
Aber ist das bereits Medienkompetenz?

In der jüngeren medienpädagogischen Diskussion ist der Trend zu beobachten, dass der Begriff ‚Medienkompetenz‘ von ‚Medienbildung‚ abgelöst werden soll. Einer der stärksten Kritiker des Kompetenzbegriffs, Winfried Marotzki, war ja auch schon im IBW zu Besuch (beim Wissenschaftskolloquium, das die Fachschaft veranstaltet) und hat dort seine Ideen vorgetragen.
Der Hauptkritikpunkt am (Medien-)Kompetenzbegriff ist, dass ein schlichtes ‚Know-How‘, ein Wissen darum, wie mit Medien und Computer umzugehen sei, zu wenig ist. Dieter Spanhel (Link entfernt) schreibt beispielsweise, dass es nicht ausreiche, die Handlungsfähigkeit der Menschen im Umgang mit den modernen Medien zu verbessern (wie es das Konzept der Medienkompetenz nahelegt), sondern es sei Aufgabe der (Medien-)Pädagogik, die „Bedeutung der Medien im menschlichen Bildungsprozess zu erkennen mit der Aufgabe mediale Bildungsräume zu gestalten und Möglichkeiten zu suchen, um selbst gesteuerte Lernprozesse mit, für und durch Medien anzustoßen und zu begleiten“ (45).
Bildung und Kultur sind zum größten Teil medial bedingt – alleine schon durch die Sprache. Fast alles, was wir wissen und können, ist in irgendeiner Form sprachlich codiert und die pädagogische Vermittlung bedient sich fast immer irgendwelcher symbolischer Repräsentationen. Im eLearning fällt uns das besonders auf, da hier fast zwangsläufig auf noch weniger vertraute Symbolsysteme als die wörtliche Rede zurückgegriffen werden muss.
Diesen Zusammenhang der medialen Bedingtheit von Bildung erfasst, so die Kritiker, das Konzept der Medienkompetenz nicht, da es sich lediglich auf einen bestimmten Ausschnitt unseres Handelns, den (instrumentellen) Umgang mit Medien beziehe.

In einer Entgegnung weist Bernd Schorb (…Link aktualisiert…) – meiner Meinung nach zu Recht – darauf hin, dass diese Kritik der Medienkompetenz nicht gerecht wird. Sie sei ein gut ausgearbeitetes Konzept, das erheblich breiter angelegt ist als es die Kritiker wahrnehmen.
Ursprünglich eingeführt hat es Dieter Baacke in die pädagogische Diskussion bereits im Jahr 1973. Er leitet die Medienkompetenz von der Kommunikativen Kompetenz ab; sie sei „nichts anderes als die Fähigkeit, in die Welt aneignender Weise auch alle Arten von Medien für das Kommunikations- und Handlungsrepertoire zu nutzen“ (Baacke 1996: 119). Ihr erinnert Euch vielleicht, dass wir im Seminar über den Zusammenhang von Medienkompetenz und den Kompetenzen, die TutorInnen benötigen, diskutiert haben und ich mich stets dagegen verwahrt habe, die Medienkompetenz unter die technischen Kompetenzen zu subsummieren. Eher ist es andersherum.

Aber was haben haben wir von dieser Diskussion? Ist das nicht nur ein Streit um Begriffe, ödes Wortgeklingel? Wollen sich da nicht nur einige Wissenschaftler auf Kosten von ein paar anderen profilieren? Oder ist es gar der Rückzug der wissenschaftlichen Pädagogik aus der Praxis in das sichere Feld der abgedrehten Theorie?
Nun ja, da mögen andere urteilen (bei dem Link ist alledings zu bedenken, dass der Herausgeber der Zeitschrift, die dieses Forum betreibt, Bernd Schorb selbst ist).

Tatsächlich erscheinen die beiden Konzepte sehr ähnlich, Unterschiede sind nur schwer auszumachen. Schorb schlägt daher vor, Medienbildung als Ziel und Medienkompetenz als den Weg dorthin aufzufassen. Wobei aber ungeklärt bleibt, was dann der Unterschied zwischen einer ausgebildeten Kompetenz und Bildung wäre.
Überhaupt lassen sich in der Diskussion Anregungen finden, wie es um das Verhältnis von Bildung und Kompetenz steht. Schaut man über den Tellerrand der Medienpädagogik auf die allgemeine Kompetenzdebatte in Pädagogik und Erwachsenenbildung, so kann man sich tatsächlich fragen, ob eine so breit angelegte und normativ-deduktiv abgeleitete Medienkompetenz, wie sie in der Medienpädagogik entworfen wurde, überhaupt noch in das allgemeinere Verständnis von Kompetenz passt.

Oder ob man mit der Medienbildung nicht doch die treffendere Bezeichnung (für das selbe) gefunden hat. Im allgemeinen Sprachgebrauch (ich frage mich immer, wie eigentlich der ‚Volksmund‘ aussieht…) werden unter Medienkompetenz jedenfalls eher die technisch-instrumentellen Fähigkeiten verstanden. – Und wenn man die Literatur zum eLearning betrachtet, so kann man sich fragen, ob es wirklich nur außerhalb der Wissenschaft so ist.

Wichtiger finde ich aber, dass uns die Diskussion erneut darauf hinweist, dass es nicht genug ist, den Studierenden in unseren (eLearning-)Veranstaltungen das technische Know-How beizubringen, das sie benötigen um teilnehmen zu können. Sondern wir eröffnen ihnen immer wieder neue Möglichkeiten, etwas zu lernen, nicht nur die Welt sondern auch ihre mediale Vermittlung zu begreifen. Dafür reicht es nicht zu wissen, welche Knöpfe man wann drücken muss. Es geht dabei auch nicht nur um das ‚Wie?‘ sondern ebenfalls um das ‚Wozu?‘.
Das wirft auch ein neues Licht auf die (auch bei uns) immer wieder diskutierte Frage, ob und wie die Teilnehmenden für den Umgang mit der Lernplattform geschult werden sollten…

…aber das ist eine neue Frage, die eventuell in einer späteren Kolumne einmal ihren Platz finden wird. Jetzt wünsche ich Euch zunächst einen schönen Februar, viele schöne Tage und freue mich, wenn ich den einen oder anderen Gedanken angeregt haben sollte.

Stephen

Zum Weiterlesen:
Baacke, Dieter (1996): Medienkompetenz: Begrifflichkeit und sozialer Wandel. In: Antje von Rein (Hrsg.): Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 112-124

Schorb, Bernd (2009): Gebildet und Kompetent: Medienbildung statt Medienkompetenz? In: merz – Medien und Erziehung, 53, 5/2009, 50-56

Spanhel, Dieter (2010): Bildung in der Mediengesellschaft: Medienbildung als Grundbegriff der Medienpädagogik. In: Ben Bachmeier (Hrsg.): Medienbildung in neuen Kulturräumen: Die deutschsprachige und britische Diskussion. Wiesbaden: VS, 45-58

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2 Responses to 236 Gedanken: (Ein)gebildete Kompetenz: Medienkompetenz, Medienbildung und eLearning

  1. Stephen Frank sagt:

    …übrigens, inzwischen hatte ich es etwas aus den Augen verloren. Aber die Diskussion um die Grundbegriffe der Medienpädagogik war das Thema einer Herbsttagung der Sektion Medienpädagogik der DGfE in Zürich. Die Ergebnisse dieser Tagung sind in dem Band „Medienbildung und Medienkompetenz: Beiträge zu Schlüsselbegriffen der Medienpädagogik“, herausgegeben von Heinz Moser, Petra Grell und Horst Niesyto (2011) versammelt.
    Darin u.a. ein Aufsatz von Gerhard Tulodziecki „zur Entstehung und Entwicklung zentraler Begriffe bei der pädagogischen Auseinandersetzung mit Medien“ , der die Diskussion schön auf den Punkt bringt, und einer von Dieter Spanhel, der sich ebenfalls der Frage widmet, ob es nun „Medienkompetenz oder Medienbildung“heißen müsse.
    Aber es gibt dort noch weitere lesenswerte Artikel, eher zur Vertiefung, z.B. von Bernd Schorb, Teo Hug oder Benjamin Jörissen.
    (http://www.kopaed.de/kopaedshop/index.php?PRODUCT_ID=738)

  2. […] vermag ich differentziert mit den Medien umzugehen. Verkürzt: Wir machen Kinder medienkompetent (apropos…), indem wir sie von den Medien zunächst […]

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