236 Gedanken: Gemeinsam einsam oder alle für eins?

Dass Lernen in Gruppen zumindest nicht weniger effektiv ist als individuelle Lernformen, läßt sich kaum bestreiten. Kommen doch beim gemeinsamen Lernen Vorteile ins Spiel wie die soziale Komponente, unterschiedliche Ansichten und Wissensstände, horizonterweiternde Diskussionen, usw.

Nun können Gruppen in unterschiedlicher Intensität und unterschiedlicher Methodik zusammenarbeiten. Eine Metapher dafür läßt sich im militärischen Sprachgebrauch (man möge mir dies verzeihen) finden: Neben der modernen Strategie des Gefechtes der verbundenen Waffen existiert ebenso weiterhin die preußische Taktik: getrennt marschieren, vereint zuschlagen.

Übertragen auf das Lernen in der Gruppe, ließen sich daher zwei Ausprägungen identifizieren:

  • Lernformen mit einem hohen Grad an Arbeitsteilung
  • Lernformen mit einem hohen Grad an Zusammenarbeit

Folgt man der angelsächsischen Literatur, findet man diese Unterscheidung in den Begriffen „kooperativ“ und „kollaborativ“ wieder. Im deutschen Sprachgebrauch weitestgehend synonym verwendet, wird von den englischen Kollegen das kooperative Lernen mit dem Schwerpunkt auf einer Zusammenarbeit mit einem hohen Grad an Arbeitsteilung gelegt (vgl. Arnold 2003, S. 33). Daraus resultiert ein großer Anteil individueller Arbeit unter Verfolgung eines gemeinsamen Zieles. Interaktion findet statt und ist ausdrücklich erwünscht, nimmt jedoch zeitlich weniger Raum ein. Die Lerngruppe kann sich sehr heterogen zusammensetzen hinsichtlich der Erkenntnisstufen ihrer Mitglieder. Methodische Ansätze finden sich beispielsweise in projektorientierten Lernszenarien, wie sie u.a. Frey in seinen sieben Phasen beschreibt (vgl. Frey 2002, S. 29ff).

„Bei der Kollaboration dagegen arbeiten die Gruppenmitglieder nicht arbeitsteilig, sondern von Anfang an zusammen, wobei einzelne Funktionen im Rahmen des Gruppengeschehens nur spontan und in geringem Ausmaß auf verschiedene Gruppenmitglieder verteilt werden.“ (Reinmann-Rothmeier/Mandl 2002, S. 45). An selber Stelle läßt sich nachlesen, daß beim kollaborativen Lernen die soziale Wissenskonstruktion bzw. die Ko-Konstruktion von Wissen im Vordergrund stehen, was ein hohes Maß an Koordination, aber auch Synchronität mit sich bringt. Eine häufig genannte Methode für kollaborative Lernformen ist das problembasierte Lernen, wie es u.a. Zumbach versteht: „Beim Problem-Based Learning ist das Bearbeiten und Lösen von Problemen immer auch mit dem Lernen in Kleingruppen verbunden.“ (Zumbach 2006, S. 4)

Ein Blick auf eins der möglichen Vorgehen beim problembasierten Lernen zeigt die Schwerpunktlegung auf den Aspekt der Zusammenarbeit: „Methodik des 7-Sprunges“. Wallner faßt die Methodik wie folgt zusammen (Wallner 2007, S. 63):

Schritt 1: Klären Sie Begriffe, die Sie nicht verstehen.
Schritt 2: Definieren Sie das Problem.
Schritt 3: Analysieren Sie das Problem.
Schritt 4: Ordnen Sie die Ideen und vertiefen Sie diese Systematisch.
Schritt 5: Formulieren Sie die Lernziele.
Schritt 6: Suchen Sie ergänzende Informationen außerhalb der Gruppe.
Schritt 7: Synthetisieren und testen Sie die neuen Informationen.

Nur während des 6. Schrittes teilt sich die Gruppe auf und marschiert gleichsam getrennt – entweder in Untergruppen oder tatsächlich individuell. Bei allen anderen Schritten arbeitet die Gruppe als Ganzes zusammen.

Wird die mögliche Unterscheidung der Begriffe „kooperativ“ und „kollaborativ“ in diesem Sinne für didaktische Analysen und die sich daraus ableitende Methoden-Auswahl genutzt, erscheint sie durchaus sinn- und wertvoll, da sie die Methoden in Kategorien einteilt und es so ermöglicht, sie an den Gegebenheiten der Lerngruppe, Ziele und Inhalte auszurichten.

Viele Grüße
Bernd

Literatur:

Arnold, P. (2003): Kooperatives Lernen im Internet – Qualitative Analyse einer Community of Practice im Fernstudium. Münster.

Frey, K. (2002): Die Projektmethode. „Der Weg zum bildenden Tun“. 9. Auflage. Beltz Verlag, Weinheim und Basel.

Reinmann-Rothmeier, G. & Mandl, H. (2002): Analyse und Förderung kooperativen Lernens in netzbasierten Umgebungen. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 34, 44-57, 2002.

Wallner, H. (2007): Chancen und Grenzen des Problem-Based Learning. Norderstedt.

Zumbach, J. (2006): Authentische Probleme in der Lehre. Problemorientiertes Lernen in der Hochschullehre.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: