236 Gedanken: Die Informationsblase oder: Von anregenden Irritationen

Hallo liebe Leute,

"Kinoprogramm München"wenn ich wissen möchte, was gerade im Kino läuft, funktioniert das meist so, dass ich den Rechner einschalte, Google öffne, „Kinoprogramm“ eintippe und nach interessanten Seiten suche. Seit geraumer Zeit macht mir die Suchmaschine sogar Vorschläge für Suchbegriffe, die mich interessieren könnten. Aber woher wissen die eigentlich, was mich interessiert? Nicht nur, dass dort die meistkombinierten Begriffe auftauchen. Nein, sie wissen offensichtlich auch, dass ich in München wohne, denn der dritte Vorschlag – kaum dass ich „Kin“ eingetippt habe – lautet „Kino München“.
Mein eMail-Provider begrüßt mich nach dem Einloggen mit der Meldung, dass mein Browser nicht der aktuelleste sei und ich solle mir doch – im Interesse meiner eigenen Sicherheit und Bequemlichkeit – eine neue Version herunterladen.
In einem Artikel in der ‚Zeit‘ las ich als schönes Beispiel, dass ein Journalist im Zuge einer Recherche öfters nach dem Wort ‚Mausefalle‘ suchte und seitdem laufend Werbung für die entsprechenden Gerätschaften auf den Bildschirm bekommt. In dem Zusammenhang ist vielleicht interessant, dass eine der größten online-Marketing-Firmen der Welt, DoubleClick, zu Google gehört.
Aber man muss gar nicht bei Google (oder einem damit verbandelten Dienst wie Gmail, Picasa, Youtube oder GoogleDocs) angemeldet sein, um einen kleinen Datenstrip zu machen. Erstaunlich, vieviel der eigene Computer über einen verrät, wenn man einfach nur eine Seite besucht. Alleine über meinen Einwahlknoten ins Internet gebe ich meinen ungefähren Standort an. Aber es gibt noch viel mehr zu erfahren. Auf der Seite Browserspy.dk kann man selbst einmal ausprobieren, welche Informationen Webseiten von einem zusammenstellen können.
Eigentlich ist es mir ja egal, ob jemand weiß, dass ich mit einem eher antiken Rechner im Netz unterwegs bin, welchen Browser ich verwende, welche Bandbreite mein Zugang hat usw. Aber andererseits sind es -zig Einzeldaten, die zusammen ein einigermaßen unverwechselbares Profil ergeben. Und damit ist für jemanden, der (wie z.B. ein Werbeanbieter) auf vielen Seiten präsent ist, schon ziemlich gut durchschaubar, wo ich mich aufhalte, was mich interessiert und womit ich meine Zeit verbringe.
Das finde ich nicht nur aus Datenschutzgründen ziemlich bedenklich – ich möchte einfach nicht ständig unter Beobachtung stehen. Sondern es geht noch einen Schritt weiter. Die Stärke von Suchmaschinen besteht darin, mir als Nutzer möglichst ‚relevante‘ Ergebnisse zu liefern. D.h. Ergebnisse, die mich interessieren. Wenn ich (auch ein Beispiel aus dem Zeit-Artikel) ‚Griechenland‘ eingebe, möchte ich evtl. alles für einen schönen Urlaub unter der Mittelmeersonne erfahren und nichts über die Finanzkrise hören. Aber woher soll das die Suchmaschine wissen? Wenn sie ‚Weiß‘ was mich sonst noch interessiert, dass ich gerade vorher einen Reiseanbieter besucht habe und politische Magazine meide, fällt ihr die Wahl nicht schwer.
Je weiter der Prozess dieser Individualisierung meiner Suchergebnisse voranschreitet, desto mehr werde ich in einer personalisierten ‚Informationsblase‘ gefangen. Die Software bestimmt, welche Informationen ich erhalte (weil sie mich ja interessieren sollen) und welche nicht. Ich bekomme nicht die Informationen, die für ein bestimmtes Thema wichtig sind; ja, nicht einmal die, die jemand anderes für wichtig dafür hält. Ich bekomme das zu lesen, wovon der Algorithmus der Suchmaschine meint, dass ich es hören will. Groß wäre dann mein Erstaunen, wenn ich vor der Akropolis protestierende Griechen sehe, die gerade gar nicht gut auf Deutsche zu sprechen sind…
Dass man mit Suchergebnissen nicht unkritisch umgehen sollte, ist ja nun wirklich nicht neu (vgl. z.B. den guten Ratgeber der lfm-nrw mit seinen 12 goldenen Regeln für die Nutzung von Suchmaschinen). Aber die ‚persönliche ‚Informationsblase‘ geht noch einen Schritt weiter. Wenn mein Bild von der Welt nur von meinen (von einer Software unterstellten) Interessen abhängt und der Zugang zu Informationen über die Welt auf dieser Basis geregelt wird, wer oder was irritiert mich dann noch? Wie komme ich auf neue Gedanken? Was regt mich an, Überzeugungen mal zu überdenken, Neues zu lernen? Plutarch sagte angeblich „Ich brauche keinen Freund, der zu allem nickt, was ich sage. Das kann mein Schatten besser“.
Natürlich ist diese Frage auch didaktisch relevant. Die erste Aufgabe von Lehrenden ist es, ihre Lernenden überhaupt dazu zu bewegen, ihre gewohnten Denkpfade zu verlassen und sich auf neue Erfahrungen und Ideen einzulassen. Vornehm ausgedrückt: ‚Differenzerfahrungen‘ zu vermitteln, die es den Lernenden ermöglichen, auf neue Gedanken zu kommen – sprich: zu lernen. Lehre kann ruhig provozieren, denn nur die Auseinandersetzung mit neuem, ungewohntem und sperrigem bringt einen weiter. Die Beschäftigung mit altbekanntem, bewährtem und glatt ins Weltbild passendem bestätigt einem zwar immer wieder, dass man ja sowieso recht hat, blendet aber eben auch alles andere aus.
Und das gilt nicht nur in didaktischen Zusammenhängen, sondern ganz allgemein.
Ein drittes schönes Beispiel aus dem Zeit-Artikel liefert Eli Pariser, ein kalifornischer Internetaktivist: Er hat Freunde sowohl im konservativen wie im liberalen Lager. Zu beiden Gruppen hat er auf Facebook entsprechende Kontakte geknüpft. Aber auf seiner Startseite sind mit der Zeit nur noch Kommentare und Neuigkeiten der liberalen Freunde aufgetaucht – er hat sie länger gelesen, sich länger mit ihnen beschäftigt, woraus Facebook auf ein größeres Interesse schloss und die anderen schleichend verschwinden liess.
Auch in Zeiten von ’social Media‘ scheint mir die Verantwortung dafür, mit wem und was man sich umgibt nicht an Software delegierbar; kritische Vernunft bleibt wichtig.

Stephen

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One Response to 236 Gedanken: Die Informationsblase oder: Von anregenden Irritationen

  1. […] auf die Welt – und damit gut kostruktivistisch: unsere Welt – verändert sich auch. Die Auswahl an Informationen, die Hoheit über geistiges Eigentum, damit auch unser eigenes Recht (und die Möglichkeit) über […]

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