236 Gedanken: Was mache ich hier?

Hallo liebe Leute,
ich hoffe, Ihr seid gut in den Mai getanzt bzw. habt schön demonstriert (wahlweise, oder besser noch: beides) und grüße Euch herzlich mit der Mai-Kolumne im eL-Tut-Web.

Neulich bin ich in Gabi Reinmanns immer wieder anregendem Blog (auch hier  in der Blogroll verlinkt) über Ihren Leseeindruck von Andreas Gruschkas Buch ‚Didaktik. Das Kreuz mit der Vermittlung‘ gestolpert. Ihre Gedanken dazu sprachen mich an, denn sie berühren so manches, was mir auch immer wieder durch den Kopf geht — gerade auch beim Nachdenken über gute (Hochschul-)lehre. Immer wieder die Frage: Warum machen wir das alles eigentlich?

Doch von vorne: Gruschkas Buch ist eine kritische Auseinandersetzung (Abrechnung?) mit der aktuellen Didaktik. Er wendet sich gegen die — wie er schreibt — übermäßige Didaktisierung unserer Welt und lässt nur wenige gute Haare an den vorligenden Konzepten und Modellen. Für diejenigen, die wissen wollen, wie man es denn besser machen könne, hält sein Buch aber nur wenige Ratschläge bereit.
Reinmann schreibt, dass ihr dieses Vorgehen fremd sei; es sei ihr zu wenig, nur zu kritisieren, „wenn am Ende die eigene Positionierung, Folgerungen und Vorschläge für alternative ‚Lösungen‘ oder Wege zur Lösungsentwicklung im Bereich der Didaktik fehlen oder zumindest sehr dünn ausfallen“. Aber sie würdigt dieses Vorgehen als notwendigen Schritt, sich mit Bestehendem kritisch auseinanderzusetzen, um Fehler und Schwächen zu identifizieren, die dann verbessert werden können.

Mich brachte dieser Blogbeitrag nach dem Ausschalten des Rechners noch dazu, darüber nachzusinnen, wozu eigentlich Wissenschaft da ist — warum ich so gerne Wissenschaftler bin und warum es mir Freude macht, mit Euch Wissenschaft zu betreiben.

Drei unterschiedliche Motive dafür kann ich ausmachen:
erstens  Ich will wissen, wie es wirklich ist. Den Dingen auf den Grund gehen, sie wirklich verstehen. Wenn man so will, treibt man Wissenschaft, weil man die Wahrheit wissen will. Diese Aussage kommt allerdings schnell ins Schwimmen, denn sie zieht die Frage nach sich, was eigentlich die ‚Wahrheit‘ sei. In unseren Zeiten nach Immanuel Kant und dem Aufblühen des Konstruktivismus wahrhaftig keine triviale Frage. Trotzdem ist die Frage danach, wie die Dinge zusammenhängen und was die Welt im Innersten zusammenhält eine wichtige Triebfeder.
Charakterististisch für dieses Vorgehen ist eine bestimmte Haltung, die gerade für die empirischen Wissenschaften typisch ist: der belief mode — Forschung im belief mode zielt darauf ab, Wahrheitsgehalte von Aussagen zu überprüfen; ihre Frage lautet: ‚Stimmt das?’. Die Forschenden nehmen eine kritische Grundhaltung ein. Neue Erkenntnisse und Ideen werden als Hypothesen formuliert und daraufhin untersucht, ob sie zutreffen. Der Erkenntnisgewinn liegt in ihrer Bewertung als ‚wahr’ oder ‚falsch’; ihnen kann entweder zugestimmt oder sie müssen ganz verworfen werden. Es werden Argumente bzw. Belege für oder gegen Thesen gesucht (Bereiter & Scardamalia 2003).
zweitens  Wenn ich weiß, wie die Welt funktioniert, kan ich sie auch verändern. Forschung und Wissenschaft sind darauf gerichtet, diese Welt zu einer besseren zu machen, das Leben zu vereinfachen, das Zusammenleben schöner zu gestalten und uns zu glücklicheren Menschen zu machen. Ein hehres Ziel, das bestimmt auch so manchen von uns leitet.
Doch nicht nur angesichts so mancher Forschungsergebnisse und ihrer Anwendung sind Zweifel erlaubt: Wie kann Wissenschaft überhaupt zu solchen Veränderungen beitragen? Bereiter und Scardamalia nennen das dazugehörige Vorgehen ‚Forschung im design mode‚: Die leitende Frage lautet dann: ‚Was kann man daraus machen?’ Ideen werden nach ihrer Angemessenheit, Nützlichkeit und Fruchtbarkeit bewertet. Es werden mögliche Verbesserungen und Verwendungsmöglichkeiten untersucht. Damit ist nicht eine strikt anwendungsorientierte Forschung gemeint, sondern eine konstruktive Grundhaltung, aus der heraus neue Ideen und Erkenntnisse als Potenziale angesehen werden, die evolutionär weiterentwickelt und an die realen Gegebenheiten angepasst werden können (und müssen).
drittens  Aber das ist noch nicht alles: Es macht doch einfach auch Spaß, Ideen zu entwickeln, sie auszuprobieren, sich wie ein Detektiv auf Spuren zu stürzen und Neues zu entdecken. Wenn man dann auch noch das Glück hat, für dieses großartige Spiel Gleichgesinnte zu finden und die große Freude weitergeben kann, die es macht, dann wird es noch besser.
Mit Karl Popper können diese Gründe so zusammengefasst werden: „Die Aufgabe der Wissenschaft ist teils theoretisch — Erklärung — und teils praktisch — Voraussage und technische Anwendung. (…) Wir sehen so letzten Endes die Wissenschaft als ein grandioses Abenteuer des Geistes vor uns. Ein unermüdliches Erfinden von neuen Theorien und Ausprobieren von Theorien an der Erfahrung“ (Popper 1998: 362 u. 375).
Das zu Vermitteln, von der Befriedigung dieser Tätigkeit zu erzählen und damit anzustecken, das ist doch auch ein guter Grund für Lehre.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine spannende Zeit mit interessanten Erkenntnissen und grüße Euch aus Heidelberg
Stephen

Quellen
Bereiter, Carl; Scardamalia, Marlene (2003): Learning to Work Creatively with Knowledge. In: Erik de Corte, Lieven Verschaffel, Noel Entwistle und Jeroen van Merriënboer (Hrsg.): Powerful Learning Environments: Unravelling Basic Components and Dimensions. Amsterdam, Boston, London, New York, Oxford, Paris, San Diego, San Francisco, Singapore, Sydney, Tokyo: Elsevier Science, 56-68 [Link: preprint]
Popper, Karl R. (41998): Objektive Erkenntnis: Ein evolutionärer Entwurf. Hamburg: Hoffmann und Campe

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One Response to 236 Gedanken: Was mache ich hier?

  1. […] Sein Referat über Sinn und Zweck ‚negativer Pädagogik‘ reizte mich alleine schon wegen der damaligen Kolumne. Er betonte auch in seinem Vortrag wieder, dass es ihm eben nicht darum gehe, zu sagen, wie […]

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