236 Gedanken: Kann E-Learning den Präsenzunterricht vollständig ersetzen?

„Mit neuen Medien lernt man anders – das heißt jedoch nicht, dass man besser oder schlechter lernt: Das Lernen erhält eine andere Qualität.“

(Dagmar Wilde)

Von Anbeginn seiner Existenz wurde E-Learning im Sinne eines Learning Management Systems (kurz: LMS wie beispielsweise „Moodle“) zuerst als Tool gesehen, mit welchem Firmen und Organisationen Zeit und Geld bei der Aus- und Weiterbildung ihres Kundenkreises (zum Beispiel Mitarbeiter, Studierende) sparen könnten – doch der erhoffte Erfolg stellte sich nicht ein und der erste Hype um „Moodle“ & Co. ebbte ab. Danach erkannten vor allem Hochschulen das Potenzial des kooperativen und kollaborativen Arbeitens innerhalb (Passwort-)geschützter Lernplattformen und führten diese flächendeckend ein.

Als die ersten Pilotveranstaltungen anliefen, erlag manch ein Dozierender der gleichen Verführung wie die Industrie und hoffte durch den Einsatz des LMS weniger Zeit für seine Lehre aufwenden zu müssen – auch hier folgte bald die Ernüchterung. Denn eine gute Verzahnung von Präsenzlehre und E-Learning bedeutet höherer Aufwand, denn schließlich gilt es sich in das LMS einzuarbeiten, passende Inhalte zu suchen, den zugewiesenen Kurs der Veranstaltung mit dem abwechslungsreichen und doch gewünschten Lehrstoff zu füllen, und diesen ideal aufbereitet den Studierenden zu vermitteln. Auf der „Gegenseite“ verlangen nach meiner Erfahrung Studierende gerne nach einer Lernplattform, welche wie Facebook geschaffen und genauso intuitiv und angenehm sein sollte. Offiziell würde ich hier von „informellen Lernansätzen“, hinter vorgehaltener Hand jedoch eher von einem „zeitökonomischen Kosten-Nutzen-Ansatz“ sprechen.

Onlinestudiengänge, wie beispielsweise bei „OnCampus“, sind meist weiterbildend gestaltet und kommen ohne Präsenzunterricht aus. Erschrocken mag sich manch einer gefragt haben, ob eine neue Ära der Lehre eingeläutet wurde und bald der übliche Vollzeitunterricht an Hochschulen nur noch über das Internet stattfinden mag. Aber diese Furcht ist aus meiner Sicht unbegründet. Aktuell habe ich für drei verschiedene Hochschulen im Bereich E-Learning gearbeitet und in jeder ein unterschiedliches Konzept beim Einsatz des Lernens über Internet erlebt:

Am Centre for Social Investment der Universität Heidelberg wird im Masterstudiengang „Nonprofit Management & Governance“ sehr viel des Curriculums über die E-Learningplattform abgewickelt und nur etwa im Monat treffen die Studierenden auf Dozierende. Literatur, Präsentationen und Vorlesungsaufzeichnungen werden dort bereitgehalten und auch Prüfungen über die Lernplattform durchgeführt.

An der Hochschule Fresenius Köln wird im nebenberuflichen Masterstudiengang Gesundheitsmanagement ebenfalls mit einem LMS für die kommenden Unterrichtseinheiten an der Hochschule vorbereitet zu sein und Studierenden Vorlauf für die Seminare zu ermöglichen. Auch hier ist viel Aufwand vonnöten; die Kurse sind mit Literatur, Aufgaben, Tests, Foren und virtuellen Klassenzimmern gespickt, um ein möglichst breites Spektrum der Lernkanäle anzubieten. Die Variante des Vollzeitstudiums wird im üblichen Präsenzunterricht gehalten, wobei auch hier kleinere, auf aktuelle Themen abgestimmte Literaturpakete, Audio- und Videodateien und interaktive Elemente den Unterricht ergänzen.

An der Hochschule für Technik Stuttgart dehnt sich die Akzeptanz von „Moodle“ und der Vorlesungsaufzeichnung durch „Echo 360“ langsam innerhalb des Lehrkörpers aus und wird in zunehmender Weise angefragt, kommende Workshops hierzu verzeichnen hohe Anmeldungszahlen, obwohl eine gewisse Skepsis zu diesem Thema vorherrscht, welche aus meiner Sicht jedoch großteils durch einen fehlenden Kontakt mit Web 2.0 begründet sein mag. Die Vermutung liegt nahe, dass je jünger und je niedriger die akademische Position des Dozierenden, desto eher wird viel Aufwand mit dem E-Learning betrieben.

Im Gegensatz zu den Dozierenden war das Feedback der Studierendenschaft hingegen ein eher skeptisches. Zu wenig intuitiv, zu starr sei die Lernplattform und der Kontakt mit Kommilitonen und Dozierenden ließe zu wünschen übrig. Dass eine Hochschule jedoch alleine durch die Trägheit des Systems und dem verbundenen Aufwand der Bewertung, Anschaffung und Einführung einer gerade im Trend liegenden Kommunikationsform nicht zeitnah zur Verfügung stellen und die Dozierenden somit auch nicht schnell folgen können, ist ein weiterer Umstand, welcher es bei den ursprünglichen Formen belassen kann. Dennoch hängen sowohl die Dozierenden, als auch die Studierenden der Vorstellung nach, dass Unterricht tradiert wie bisher abzulaufen habe. Ich selbst war Dozent an der Hochschule Fresenius in Köln und bemerkte nach einigem Ausprobieren, dass eine gute Mischung aus gewohntem Unterricht und eingewebten E-Learning-Anteilen die beste Option für alle Beteiligten war:

  • Fragen, welche beim Literaturstudium oder Online-Fragebogen aufkamen, werden zeitnah angesprochen und gerieten nicht wieder aus dem Fokus.
  • Unterrichtssitzungen konnten mit kleinen Aufgaben vor- und nachbereitet werden.
  • Ein durch alle Seiten angelegtes Stichwortglossar erleichterte die Klausurvorbereitung.
  • Der Gastvortrag eines Mitarbeiters der Firma Siemens wäre die ideale Gelegenheit gewesen, die Vorlesungsaufzeichnung zu nutzen und für abwesende Kommilitonen zu einem späteren Zeitpunkt nachholbar gemacht zu werden.
  • Als Arbeitsaufgabe sollten erste mögliche Klausurfragen durch die Studierenden gesammelt und später von mir für die Klausur ausgewählt werden.

Aus meiner Sicht wird sich das E-Learning innerhalb qualitativ hochwerter Lehre immer einen Platz verdienen, sei es über ein LMS, über Videos, Bilder oder auch im Thema des Mobile Learning. Einseitiger Frontalunterricht halte ich für nicht mehr haltbar und sollte auch nicht mehr toleriert werden. Das andere Extrem, einen Studiengang nur online anzubieten, halte ich für durchführbar, aber das Fehlen von Präsenzphasen kann zu geringer und missverständlicher Kommunikation führen, da es an nonverbaler Kommunikation zwischen den Teilenehmern untereinander sowie dem Dozierenden mangelt und dies durch weitere Interaktionsformen aufgefangen werden sollte. Idealerweise wird der Präsenzunterricht durch ein LMS begleitet, darauf abgestimmt und Teile der Inhalte über kostenlose Web 2.0-Tools in ergänzender Form angereichert.

von Florian Bläß
Stuttgart, den 03.07.2012

(Layoutänderungen 1.8.2012, 7.11.2012)

Links:

Tobias Vahlpahl, Programmleiter Abteilung Lehre, CSI, Universität Heidelberg

Beratungswissenschaft IBW Universität Heidelberg

Master „Management im Gesundheitswesen und Gesundheitsökonomie“, Hochschule Fresenius Köln

Mein Artikel zu Dozierendentypen im E-Learning auf der EDULEARN 2010 in Barcelona stelle ich gerne zur Verfügung, wenn dies hier gewünscht wird.

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