236 Gedanken: Literarische Hochtour. Baumgartners Taxonomie von Unterrichtsmethoden

Liebe Leute,

es ist schon wieder März. Meine Güte. Der Blick aus meinem Fenster sieht noch recht winterlich aus; mal sehen, wann das Ende der trüben Tage erreicht wird.
Bis dahin besteht noch die Chance, sich mit einem guten Buch und einer Tasse Tee zurückzuziehen. Eines ‚vom Stapel‘ möchte ich hier heute vorstellen:

Im Literaturforum auf unserer alten Plattform hatte ich ja bereits von Zeit zu Zeit auf Artikel von Peter Baumgartner hingewiesen, in denen er sich auf eine — für mich — neue Weise der Didaktik nähert. Er kreist immer wieder um die Frage, wie man Methoden so beschreiben kann, dass sie vergleichbar werden. Damit sollen sie sich in eine Struktur bringen lassen. Diese Ordnung wiederum soll es den didaktisch Handelnden — den Lehrenden — erleichtern, sich in der Vielfalt von möglichen Methoden zu orientieren und für den eigenen Zweck geeignete zu finden. Daneben verspricht er sich davon auch noch einen heuristischen Wert für die Wissenschaft. Leerstellen bzw. Überfüllung an Stellen des Ordnungsrasters provozieren Fragen. So kann die Entwicklung neuer Lehr-Lern-Arrangements angeregt werden bzw. die Theoriebildung zur Erklärung dieser ‚Unregelmäßigkeiten‘.

Buchcover

Quelle: Waxmann

Seine Überlegungen hat er nun in einem Buch zusammengeführt, einer, wie er selbst schreibt, ziemlich „eindrucksvollen wissenschaftlichen Schwarte“.Darin fügt er die vielen spannenden und anregenden Ideen aus einer ganzen Reihe von Artikeln aus den Jahren 2003 bis 2010 zu einem schlüssigen Modell zusammen. Dieses Buch ist Ende 2011 erschienen (Rezensionen hier und hier) und im letzten Herbst habe ich es mir endlich zu Gemüte führen können.

An dem Buch finde ich mehrere Dinge — neben den eigentlichen Inhalten — beachtenswert. Zum einen fand ich es sehr spannend, wie Peter Baumgartner die interessierte Öffentlichkeit über seine Schulter sehen ließ, indem er regelmäßig Ideen und Ansätze veröffentlicht hat (die dann ja auch meist in unserer Bibliothek gelandet sind). In Zeiten, wo sich jeder Wissenschaftler überlegt, wie er seine Ideen möglichst gut schützen kann, dass ihm keiner zuvorkommt, ein wunderbarer Einblick in eine Denkwerkstatt.
Die meisten meiner Kommentare endeten bisher mit der Feststellung, dass ich sehr gespannt auf die Weiterentwicklung bin. Nun ist ein (vorläufiger) Abschluss erreicht; aus den Bausteinen ist ein Theoriegebäude errichtet. — Vorläufig trotzdem, denn wie Baumgartner immer wieder betont: Das ganze kann und soll weiter entwickelt werden.

Interessant ist dabei auch der Weg zu verfolgen, den Baumgartner geht von der ursprünglich treibenden Fragestellung, wie eLearning-Ressourcen möglichst gut wiederverwertet werden können, hin zu allgemeindidaktischen Überlegungen zu einem allgemeinen Gliederungssystem für Methoden, in dem auch das eLearning seinen Platz findet. Bereits 2003 hat er in einem Aufsatz (gemeinsam mit Ingrid Bergner — dieser Link ist unsicher, da Baumgartners Homepage gerade umzieht…) ein Ebenenmodell skizziert, das das Verhältnis von didaktischen Überlegungen zur verwendeten Technik skizziert. Jetzt integriert er eLearning mithilfe des Begriffs „Werkzeug“ (ich hatte es „technische Umsetzung“ genannt) vollständig in sein Modell und nimmt dem Lehren und Lernen mit Medien so seine Sonderrolle, die es in der Theoriebildung lange hatte.
Damit sind die Tore geöffnet, dass sich allgemeine Didaktik und die Auseinandersetzung mit neuen, medialen Lehr- und Lernformen gegenseitig anregen und befruchten — anstatt in getrennten Universen vor sich hin zu murkeln.

Ein Komplex, um den sowohl die vorlaufenden Artikel, als auch das Buch kreisen, sind die Methoden. Welchen (theoretischen) Stellenwert, welche Funktion haben Methoden, wie kann man sie beschreiben und vergleichen, wie kann man einmal entwickelte und bewährte (eLearning-)Methoden wiederverwenden? So verwendet er ziemlich viel Mühe darauf, den Methodenbegriff zu durchleuchten, unterschiedliche Aspekte und Funktionen zu beschreiben und so einen grundlegenden pädagogischen Begriff zu klären.
Überhaupt besteht darin meiner Meinung nach eine der Stärken dieses Werks: In der Sorgfalt, mit der Baumgartner Begriffe und Konzepte untersucht, beschreibt und ihre (theoretischen) Potenziale abklopft.
Die Kehrseite ist allerdings, dass auf diesem Weg manche Begriffe eine andere Prägung erhalten, als man sie von anderen Autoren gewohnt ist. So ist etwa — anders als etwa bei Blankertz (und darauf aufbauend bei Jank/Meyer) — ein ‚didaktisches Modell‘ bei Baumgartner eine (abstraktere) Beschreibungsstufe von Methoden. „Erziehungswissenschaftliche Theoriegebäude“ (Jank/Meyer), die vereinfachend die Realität darstellen, Kategorien und ihre Zusammenhänge beschreiben, nennt Baumgartner „Kategorialmodelle“. So ist Vorsicht beim Lesen gefragt.
Dadurch gerät die Lektüre manchmal auch etwas sperrig. Frank Vohle glossiert das Buch als eine steile Bergtour, bei der unentwegt abstrakte Begriffe und Konzepte auf einen einprasseln. Ohne Vorwarnung oder Training verlöre man da schnell die Puste.
Aber es lohnt sich.

Zumal diese Publikation auch beispielhaft zeigt, wie Konvergenz zwischen den Medien aussehen kann. Für ein derartiges wissenschaftliches Werk, das durchgearbeitet werden will, dessen Lektüre einen länger begleitet, ist die gewählte Buchform angemessen (Frank Vohle hat anscheinend auch gewogen: 1,1 kg bringt es auf die Waage). Aber für die bei einer solchen Publikation allfälligen Errata findet sich im Internet eine Begleitseite, auf der noch zusätzliche Materialien und weiterführende Überlegungen zu finden sind. Auch gibt es immer wieder Links ins Internet zu Themen, die nicht weiter vertieft werden sollen, aber den Leser/die Leserin vielleicht ebenso interessieren, wie den Autor.
Auch reflektiert Baumgartner immer wieder seinen Arbeitsprozess am Buch und die dabei verwendeten Techniken. Sowohl Tools/Werkzeuge werden kommentiert als auch gedankliche Strategien und das Vorgehen bei der ‚Begriffsarbeit‘ beschreibt er. Auch hier ein anregender Blick in eine andere ‚Denkwerkstatt‘.

Ob diese Buch in die Kategorie ‚gutes Buch um es an trüben Tagen durchzulesen‘ fällt, mag jede/r für sich entscheiden. Aber wer sich mit didaktischen Fragen herumschlägt, macht sicherlich keinen Fehler, sich an diese anspruchsvolle Lektüre zu wagen.

Herzliche Grüße und einen sonnigen Start ins Frühjahr wünscht Euch
Stephen

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One Response to 236 Gedanken: Literarische Hochtour. Baumgartners Taxonomie von Unterrichtsmethoden

  1. […] Lehren und Lernen wieder stärker in einem allgemeindidaktischen Kontext diskutiert – etwa in Baumgartners ‚Taxonomie’ oder auch Reinmanns Kapitel zum Didaktischen Design im […]

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