236 Gedanken: Lernen in der Gruppe – per se „besser“ als das Lernen home alone?

Egal, ob online oder in Präsenz: dem Lernen in der Gruppe werden viele Vorteile zugeschrieben. So soll es den Austausch fördern, durch andere Sichtweisen zum Lernen anregen, durch unterschiedliche Kompetenzen zu besseren Ergebnissen führen, das Sozialverhalten stärken und vieles mehr.

Doch ist das Lernen in der Gruppe tatsächlich dem Einzellernen überlegen? Immer und überall oder nur in bestimmten Szenarien?

Die Medienpädagogik liefert eine ganze Reihe von Argumentationslinien. Bei Kerres (2012, S. 164) etwa wie folgt (Auszug):

  • Bestimmte Lernziele lassen sich nur über soziale Settings erreichen, z. B. Fertigkeiten in Rollenübernahme oder Gesprächsführung.
  • Bestimmte didaktische Methoden erfordern Partner- oder Gruppenkonstellationen, bspw. das kooperative Lernen (Selbstzweck?)
  • Durch die entstehenden Beziehungen werden Lerner und Lernort aufgewertet, die Dropout-Quote sinkt.
  • Durch den Austausch zwischen Menschen wird das Lernen der Organisation gefördert
  • Das Teilen von Wissen im Netz stärkt die kollektive Intelligenz.

Das sind durchaus überzeugende und nachvollziehbare Argumente. Beim CSCL (Computer Supported Cooperative/Collaborative Learning) liest sich das so (CSCL-Kompendium 2.0, S. 26):

„Wenn Gruppenphänomene wirklich als eigenständige Objekte der Theorie behandelt werden, dann kann man studieren, wie Kleingruppen verschiedene kognitive Aktivitäten ausführen: interpersonelle Gedankengänge, gemeinsames Verständnis von Diagrammen, gemeinsame Konzeptualisierung von Problemen, gemeinsame Bezugnahme, Koordination der Bemühungen bei der Problemlösung, Planen, Arbeiten, Designen, Beschreiben, Problemlösen, Erklären, Definieren, Generalisieren, Repräsentieren, Erinnern, Reflektoren als Gruppe. Beispielsweise können in CSCL-Studien über Text-Chat oder Diskussionsforen Analysen gruppenkognitive Leistungen zeigen, die aus dem Netzwerk sinnvoller Bezugnahmen, das sich aus den versendeten Nachrichten ergibt, hervorgehen. Dies zeigt, wie die Gruppe ihre Selbstentstehung und ihre kognitiven Leistungen in situierter Interaktion ausführt.“

Das klingt geradezu nach eine Laudatio auf das Lernen und Arbeiten in der Gruppe. Den unbestreitbaren Vorteilen und positiven Auswirkungen stehen allerdings auch einige Phänomene gegenüber, die zu beachten sind, wenn mit Gruppen gearbeitet werden soll.

Um nur mal einige aufzuzählen: Gruppenpolarisierung, „Hidden Profile“, soziale Hemmung, Prozessverluste.

Diese netten Begrifflichkeiten gehen auf Untersuchungen im Rahmen der Sozialpsychologie zurück. Im Einzelnen bedeuten sie in kurzen Worten in etwa das Folgend (vgl. Theorien der Sozialpsychologie. Band II, 2002: S. 14ff):

  • Gruppenpolarisierung: Tendiert der Durchschnitt der Gruppenmitglieder vor einer Gruppenentscheidung bereits zu einer Risikofreudigen Lösung, so verstärkt sich diese Tendenz durch die Gruppendiskussion. Und umgekehrt: wird vorab zur Vorsicht tendiert, wird dies in der Diskussion verstärkt.
  • Hidden Profile: Die meisten Gruppen wählen diejenige Alternative, die durch die geteilten Informationen nahe gelegt wird und die auf Individualebene die beste Alternative scheint – und nicht diejenige, die auf Grundlage aller Informationen die beste ist. Bei „Hidden Profiles“ treffen Gruppen also suboptimale Entscheidungen und versäumen es somit, ihr Potenzial an Entscheidungsqualität zu realisieren.
  • Soziale Hemmung: Während für vergleichsweise einfache, vom Individuum gut gelernte Aufgaben Leistungssteigerungen bei Anwesenheit anderer Personen eintreten, bewirkt diese Anwesenheit bei relativ schwierigen, neuartigen Aufgaben eine Leistungsminderung im Vergleich zur individuellen Bearbeitung ohne andere Personen.
  • Prozessverluste: Die Diskrepanz zwischen realer und potentieller Gruppenleistung wird durch so genannte Prozessverluste erklärt, nämlich Koordinationsverluste oder Motivationsverluste.

Aus diesen Beispielen wird für mich deutlich, daß sich der Blick auf Nachbar-Felder, hier die Sozialpsychologie, sehr lohnen kann. In der täglichen Arbeit mit Lerngruppen kommt es immer wieder zu Situationen und Ergebnisse, die nur schwer zu erklären sind. Bei ausgiebigerer Beschäftigung mit den Resultaten und Erkenntnissen der Pädagogik, Psychologie, Soziologie und anderen, lassen sich jedoch meist Erklärungsansätze finden. Diese haben dann auch wieder Auswirkungen auf die didaktische Gestaltung von kooperativen oder kollaborativen Lernszenarien.

Welche Erfahrungen habt Ihr beim Lernen in der Gruppe oder bei der Betreuung von Lerngruppen gesammelt?

Österliche Grüße
Bernd

Literatur:
Frey, Dieter / Irle, Marin (Hrsg.): Theorien der Sozialpsychologie. Band II. 2002.
Haake, Jörg / Schwabe, Gerhard / Wessener, Martin (Hrsg.): CSCL-Komendium 2.0. 2012.
Kerres, Michael: Mediendidaktik. 2012.

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2 Responses to 236 Gedanken: Lernen in der Gruppe – per se „besser“ als das Lernen home alone?

  1. stephen sagt:

    Hallo lieber Bernd,
    nun hat es doch etwas länger gedauert, bis ich dazu komme, Dir auf Deine Kolumne zu antworten. Spannendes Thema mal wieder.

    Du fragst nach unseren Erfahrungen mit Gruppenarbeit. Eines zieht sich in meinem Erleben durch: Gruppenarbeit polarisiert. Die Rückmeldungen sind meist entweder des Lobes voll – es wird die gründliche Reflexion und die hohe soziale Einbindung (Motivation!) betont – oder sie sind vernichtend – „Chaotisch! Ineffektiv! Mühsam!“.

    Interessant finde ich zum einen den zeitlichen Verlauf in der Verteilung dieser beiden Positionen. Zu Beginn überwiegt die Skepsis, nach einer längeren gemeinsamen Lernphase die Zustimmung. Das korrespondiert damit, dass die Vorteile der Gruppenarbeit mit einem erhöhten Organisationsaufwand erkauft werden. Wenn mehrere Personen an einer Aufgabe zusammenarbeiten, müssen sie sich über Arbeitsweisen, -zeiten, -formen und -stile verständigen. Das ist meist ungewohnt und mühsam. Hat man aber erst einmal einen gemeinsamen Weg gefunden, kann man auch profitieren. Voraussetzung ist allerdings, dass es klare Aufgaben gibt, die zu einem konkreten Ergebnis führen und die für Gruppenarbeiten geeignet sind – sprich: zu deren Lösung jeder etwas beitragen kann. D.h. weder „Diskutiert mal über Eure Erwartungen…“ noch „Wie hieß Willi Brandt mit Vornamen?“ sind sicherlich gute Kandidaten als Gruppenaufgabe. Einer weiß es, die anderen sind arbeitslos. Eine didaktisch (vor-)strukturierte Vorgehensweise für das Bearbeiten kann dazu einerseits helfen, andererseits aber auch Gruppenprozesse blockieren. Wie immer in der Didaktik ein Hantieren mit Widersprüchen. An anderer Stelle habe ich dazu ja schon einmal mehr geschrieben…

    Aber zum anderen spielen auch persönliche Vorlieben und Fähigkeiten eine Rolle. Armin Kaiser und Mitarbeiter haben etwa in einer Studie (http://www.fachportal-paedagogik.de/fis_bildung/suche/fis_set.html?FId=847057) erhoben, dass sich lediglich ein gutes Fünftel der Weiterbildungsteilnehmer/innen ausgesprochen als Gruppenlerner sieht. Ein weiteres gutes Fünftel lehnt diese Arbeitsform sogar explizit ab. Interessant in diesem Zusammenhang übrigens, dass in dieser Stichprobe Gruppenarbeit deutlich stärker von Männern bevorzugt wird als von Frauen. Eine weitere Korrelation, die in den Daten gefunden wurde, ist, dass Lern- und Erfolgsskeptische eher auf Gruppenarbeit ausgerichtet sind. – Beide Erkenntnisse zusammen ergeben: „Männer bewerten im Vergleich zu den Frauen der Stichprobe ihr Lernen in wesentlichen Punkten als problematischer. Sie sind weniger anstrengungsbereit, häufiger abgelenkt und schreiben Misserfolg eher als Frauen einer ungünstigen Lernfeldkonstellation zu, etwa dem Einsatz unanschaulicher Methoden“ (S. 15). Diese Studie scheint zugegeben auf einem Szenario zu basieren, in dem Gruppenarbeit unspezifisch, wie mit der Gießkanne über eine Fortbildung ausgeschüttet wird (vgl. auch R. Kaiser 2008: http://www.fachportal-paedagogik.de/fis_bildung/suche/fis_set.html?FId=847061). Inwieweit sich die Einstellungen ändern, wenn die Aufgaben spezifischer werden, kann ich nur spekulieren.
    Aber auch diese Ergebnisse sprechen für mich dafür, dass Gruppenarbeit eben mehr sein muss als ‚mal eben darüber zu diskutieren‘. Auch wenn sie ein ziemlich komplexes Phänomen ist, lässt sich Gruppenarbeit strukturiert und gezielt einsetzen und hat dann für bestimmte Fragestellungen und Aufgabentypen einen nicht zu schlagenden Wert. Oder andersherum mit Weinert (1996) gesprochen: „Es ist offenkundig: Die Notwendigkeit, Wünschbarkeit und Wirksamkeit kooperativen Lernens ist nicht gleichbedeutend mit einer Monopolstellung dieser Instruktionsmethode“.

    Dem ist kaum noch etwas hinzuzufügen – außer vielleicht noch zwei Literaturtipps aus eher pädagogischer denn (sozial-)psychologischer Provenienz: Das Lehrbuch „Kooperatives Lernen“ von Konrad und Traub mit vielen (auch methodischen) Anregungen (http://www.fachportal-paedagogik.de/fis_bildung/suche/fis_set.html?FId=888589&mstn=3) sowie der entsprechende Artikel im UTB-Wörterbuch Erwachsenenbildung (http://www.wb-erwachsenenbildung.de/online-woerterbuch/?title=Gruppe&tx_buhutbedulexicon_main%5Bentry%5D=96&tx_buhutbedulexicon_main%5Baction%5D=show&tx_buhutbedulexicon_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=6ed37a6835bfa392e7d6d72ba4966482) in dem, tw. kritisch, die Ergebnisse der Gruppenforschung referiert und ihre Bedeutung für die Erwachsenenbildung dargestellt werden.

    Soweit für heute, herzliche Grüße in die Runde
    Stephen

  2. […] (interessant dazu zu lesen: Terhart 2002; auch Bernd hatte diese Kluft schon gelegentlich in dieser Kolumne am Wickel), aber in der eLearning-Didaktik wirkte die Rezeption der psychologischen Lerntheorien […]

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