236 Gedanken: Was kann, darf, soll die Didaktik?

Liebe Leute,

pünktlich zum Beginn des Juli hat sich der Sommer zurückgemeldet und ich grüße Euch mit dem Neuesten aus den 236 Gedanken.

Vermutlich wurden Medien schon immer didaktisch genutzt. Wenn man etwas erklären möchte, sind Bilder und Dinge oft einfach der anschaulichste Weg. Als ‚Startschuss’ der modernen Didaktik gilt das Werk von Johann Amos Comenius, der mit seinem Orbis sensualium pictus ein frühes Bildlexikon schuf. Aber erst die Lerntheoretische Didaktik in den 1960er Jahren nahm erstmals ausdrücklich die (didaktische) Rolle von Medien in den Blickpunkt. Beim eLearning rückt diese Frage mit einem Mal in den Mittelpunkt. Denn das Lehren und Lernen wird hier vor dem eigentlichen Unterrichtsgeschehen in eine (mediale) Form gebracht; es wird ein Artefakt erzeugt, von dem man wünscht, dass es – später – ganz bestimmte Lernhandlungen hervorruft.

23hoelzerIn den frühen Tagen des eLearning war die Entwicklung häufig (mit den Worten von Kerres beschrieben:) eher technology driven als problem driven. Zuerst musste der Rahmen des technisch Möglichen ausgelotet werden, es sollte Soft- und Hardware geschaffen werden, mit denen (besser?) gelernt werden kann. Didaktische Überlegungen waren dagegen oftmals zweitrangig. Aber was hatte die Didaktik Medienentwicklern auch zu bieten? Funktion und Rolle von Medien im Lehr-Lerngeschehen waren kaum durchleuchtet. So entstand eine neue, ingenieurmäßigere Vorgehensweise: Will man Lerneffekte erzielen, so benötigt man eine genaue Vorstellung davon, wie der zugrunde liegende Prozess, das Lernen, funktioniert. Psychologische Lerntheorien wurden als theoretische Basis für die Gestaltung von eLearning herangezogen.

Unberücksichtigt bleibt dabei zwar, dass die Psychologie eine deskriptive Wissenschaft ist, die Didaktik aber präskriptive Sätze erzeugen soll (interessant dazu zu lesen: Terhart 2002; auch Bernd hatte diese Kluft schon gelegentlich in dieser Kolumne am Wickel), aber in der eLearning-Didaktik wirkte die Rezeption der psychologischen Lerntheorien äußerst anregend. Der größte Teil der Literatur zum eLearning schöpft seine Grundlage aus ihnen und schafft so ein ‚Paralleluniversum’ zur Diskussion in den anderen Feldern der Didaktik. Erst in den letzten Jahren ist wieder eine Annäherung zu sehen. Einerseits hat die lernpsychologisch geprägte Didaktikdiskussion die Allgemeine Didaktik angeregt und bereichert – deutlich sichtbar in der Konstruktivistischen Didaktik; andererseits wird das mediale Lehren und Lernen wieder stärker in einem allgemeindidaktischen Kontext diskutiert – etwa in Baumgartners ‚Taxonomie’ oder auch Reinmanns (sehr empfehlenswerten) Kapitel zum Didaktischen Design im L3T.

Aber noch immer sind mit eLearning-Didaktik starke Erwartungen verbunden, dass aus ihr konkrete Empfehlungen für Lehrende stringent abgeleitet werden können. Sie soll Regeln schaffen, mit denen Lehrende ‚wissen’ wie sie ihre eLearning-Umgebungen zu gestalten haben, damit die Nutzer wirklich Lernende werden.

Kann Didaktik das Leisten?

Sie ist insofern eine Handlungswissenschaft, als dass sie Lehrenden eine „praktisch folgenreiche Handlungsorientierung“ geben soll (Jank/Meyer 2005: 16), sie soll Lehrenden Methoden und Instrumente zur Verfügung stellen, ihren Unterricht zu analysieren und zu planen. Sie schafft Modelle, die die unübersichtliche und unordentliche reale Unterrichtssituation reduzieren, bedeutsame Faktoren herausarbeiten und Zusammenhänge herstellen. Damit fasst sie einerseits – deskriptiv – für bedeutsam gehaltene Ergebnisse der empirischen Unterrichtsforschung zusammen und gibt eine strukturierte Beschreibung von Unterricht. Andererseits bieten die Modelle als eine Art Idealbild eine – präskriptive – Vorlage für Unterricht. Ihre Hauptaufgabe ist meiner Meinung nach aber, dass sie Fragen aufwerfen und einen theoretischen Schlüssel bzw. ein theoretisches Gerüst bieten, sie zu beantworten.

Sie liefern das theoretische Rüstzeug, Lehr-Lernsituationen zu hinterfragen und so zu einem tieferen Verständnis zu gelangen. Didaktisches Handeln findet häufig statt in einem Feld, das von Widersprüchen geprägt ist und in dem es gilt, Unvereinbares zu vereinbaren. Dort helfen einfache Antworten selten weiter, seien sie noch so brillant. So verstanden kann es nicht die Aufgabe von Didaktik sein, Systeme von Aussagen mit Wahrheitsanspruch zu schaffen, sondern sie bietet Lehrenden Reflexions- und Begründungshilfen für ihr Handeln. Sie regt uns zum Nachdenken an, führt uns zu Fragen, die wir sonst übersehen würden. Sie hilft uns so zu neuen Lösungen zu kommen, die zu uns, unseren Lernenden und den Randbedingungen passen können. Heimann hat das so ausgedrückt: Didaktik zu treiben bedeute nicht, viele Theorien zu lernen, sondern das Theoretisieren.

Damit grüße ich Euch und wünsche Euch einen wunderschönen Sommer.
Herzliche Grüße
Stephen

P.S.: Ich nutze hier noch einmal schnell die Möglichkeit auf Kerstins und meinen Vorschlag für ein ’spontanes‘ Sommertreffen hinzuweisen…

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One Response to 236 Gedanken: Was kann, darf, soll die Didaktik?

  1. Ein kleiner Nachtrag zu dieser Kolumne ist der passende Aufsatz, der mir heute zwischen die Finger gekommen ist.
    „Ist Didaktik die “Guided Tour” durchs Lernen?“ (http://www.jasmin-hamadeh.de/didaktik-als-guided-tour/)
    Viel Spaß beim Lesen!
    LG Kerstin

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