236 Gedanken: Wolkige Aussichten

Liebe Leute,

Zell am Seemeine diesmonatigen 236 Gedanken speisen sich aus verschiedenen Richtungen. Sarah hat sich ja bereits vor einiger Zeit hier im eL-Tut-Blog mit der Cloud auseinandergesetzt.
Vor kurzem habe ich ein Update auf Windows 8.1 gemacht und dabei festgestellt, dass die Microsoft-Cloud (noch heißt sie Sky Drive), mit einem Mal recht solide im Betriebssystem verankert ist. Entferne ich die entsprechenden Häkchen, werde ich bei der Installation gefragt, ob ich den Zusatzdienst, der mir 7 GB freien Speicher auf den Servern von Microsoft einbringt, wirklich verweigern will.
Parallel dazu kommt die Nachricht, dass Adobe seine Photoshop-Suite nur noch in der Creative-Cloud-Version anbietet. D.h. will man mit dem Programmpaket arbeiten bzw. mit einzelnen Anwendungen daraus, registriert man sich bei Adobe, erhält dort eine Adobe-ID und damit einen Zugang zur Software, dessen Berechtigung regelmäßig überprüft wird.

Angesichts dessen, dass zurzeit bekannt wird, in welchem Umfang Daten im Internet gesammelt und ausgewertet werden , erscheint es wenig aufregend, dass wir auf diesem Wege unser geistiges und digitales Eigentum in fremde Hände geben, bei denen wir wenig darüber wissen, was diese damit eigentlich anfangen.

Doch daneben steht bspw. die Meldung, dass bei einem Hacker-Angriff auf Adobe nicht nur Quellcode der Adobe-Programme gestohlen wurde, sondern auch die Daten von 38 Millionen Kunden (andere Quellen gehen von bis zu 150 Millionen Kunden aus). Abhanden gekommen sind Nutzernamen, Passwörter und unter Umständen auch Kreditkartendaten.
Nun kann man sich fragen, wie viele Menschen Nutzernamen und Passwörter mehrfach für verschiedene Anwendungen verwenden. Wenn man noch dazufügt, dass mit der Adobe-ID auch eine eMail-Adresse verbunden ist, wird es langsam wirklich bedenklich. So schreibt Adobe selbst: „We recommend that you also change your password on any website where you use the same user ID or password. In addition, please be on the lookout for suspicious email or phone scams seeking your personal information.“…

Mit diesen verschiedenen Gedanken im Kopf, beginne ich mich zu fragen, was eigentlich das Bild der Wolke, der Cloud, bedeutet. Wolken sind unscharf, veränderlich und nicht durchschaubar. Und dorthin soll ich meine Daten geben? Verbunden damit sind zwei Versprechen: Zum einen, dass in der Cloud die Unzulänglichkeiten meiner eigenen Computerausstattung überwunden werden. Es stehen Speicherplatz und Rechenpower zur Verfügung. Die Qualität meines eigenen Computers ist nicht mehr limitierend. Außerdem verspricht mir die Cloud eine noch weitergehende Ablösung von meinem Computer: Daten und ggf. auch Anwendungen stehen mir auf jedem Gerät zur Verfügung, mit dem ich auf die Cloud zugreifen kann. Mobilität lautet das Versprechen.
Dafür taugt das wolkige Bild aber kaum. Hinter der Nebelwand finden sich Computer, Netzwerke und Software. Und die Interessen ihrer Besitzer. Ob sich die mit den meinen decken, kann ich kaum überprüfen; ich bin auf Vertrauen angewiesen. Den technischen Sinn, dieser monopolisierten Großwolken kann man jedenfalls anzweifeln.

Wenn ich aber unter diesem Gesichtspunkt — Vertrauen — betrachte, wie ich in die Wolke gelockt werden soll, schleichend und kaschiert per Software-Update bzw. radikal durch die Umstellung des Vertriebssystems, frage ich mich schon, ob nicht vertrauensbildendere Maßnahmen angebracht wären, als sich einfach auf seine Marktmacht zu verlassen.

Mit diesen nachdenklichen Grüßen wünsche ich Euch einen schönen Herbst
Stephen

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4 Responses to 236 Gedanken: Wolkige Aussichten

  1. Heute kam ich erst dazu die neuen 236 Gedanken und muss sagen, Stephen, Hut ab! Du hast es toll geschafft verschiedenste Gedanken, die mir auch ab und zu durch den Kopf gewandert sind, ich aber nie weiter vertieft habe, auf den Punkt zu bringen.

    Ich stelle jedoch noch eine andere Frage: Ist es nicht die Bequemlichkeit, die uns solche Lösungen wie die Cloud ohne längeres tiefgründiges Nachdenken und Hinterfragen nutzen lässt? Überall verfügbar, Speicherplatz en masse, wow super! Die Fotos bei Dropbox hochladen um Sie schnell – ohne Brennen oder USB Sticks zu verteilen – den Freunden zur Verfügung zu stellen, bei Facebook die neusten Gedanken und Lebensabschnitte zu teilen, ohne lange Mails oder Telefongespräche zu koordinieren, mehr Speicherplatz ohne im Computerfachgeschäft den Rechner aufzurüsten, und, und, und. Ich könnte – und vermutlich ihr auch – noch mehr solcher Beispiele finden.

    Mein „Vertrauen“, wie du es nennst ist erschöpft, für mich bleibt eher die Frage, was und wie viel will ich ins Netz stellen, was ist für mich vertretbar und was nicht, denn abschotten geht schon lange nicht mehr. Diese Frage muss sich jedoch jeder selbst stellen.

    Auch in meinem Freundeskreis herrscht eher die Cloud-Euphorie, während ich dem ganzen etwas skeptischer gegenüberstehe. Es ist schön zu hören, dass ich nicht die Einzige bin, deshalb danke für diese Kolumne 🙂

    Kritische Grüße zurück
    Kerstin

    • stephen sagt:

      Hej,

      ja, die eigene Bequemlichkeit ist bestimmt der Faktor, der über die Schwelle in die Cloud zu tragen vermag. Dazu kommt die Freude über den ‚geschenkten‘ Mehrwert, der mir zur Verfügung gestellt wird.
      Es bleiben nur die Fragen offen, wie das Ganze finanziert wird, wenn die Angebote gratis sind, und wie meine Daten vor Missbrauch geschützt werden. – Oder ist das eigentlich nur eine einzige Frage?

      In dem Zusammenhang lässt sich auch der Trend verstehen, dass Rechner permanent online sein sollen – verbunden mit ‚der Cloud‘. Für das aktuelle Microsoft-Betriebssystem gibt es hier (http://www.computerwoche.de/a/10-tipps-fuer-windows-8,2518297,7) einen Tipp, wie man sich ohne Windows Live-ID mit einem ‚lokalen Konto‘ an seinem Computer anmelden kann.

      Herzliche Grüße in die Runde
      Stephen

  2. Hallo zusammen,

    ich danke dir, Stephen, auch für den sehr gut geschriebenen und tiefgründigen Beitrag.

    Und obwohl ich zugeben muss, dass ich eher zu der Kategorie gehöre, die es etwas locker nimmt und sich (zu) wenig sorgt, stimme ich dir zu, dass wenn die Software in die Cloud verlagert wird und keine Alternativen bleibt, wird somit eine gewisse Grenze überschritten.

    Ich bin aber der Überzeugung, dass die Datenschutz-Probleme vermutlich nur auf eine (weltweite) gesetzlich-vertragliche Art und Weise dauerhaft gelöst werden können. Die Politik ist in diesem Fall wieder gefragt das allgemeine Interesse gegenüber der finanziellen Macht der Konzerne zu verteidigen und durchzusetzen. Allerdings wird es sicher nicht all zu schnell geschehen…
    …und bis dahin werden Viele schon aus reiner Bequemlichkeit die zweifelnde kritische Stimme im Kopf soweit es geht ignorieren (mich wohl mehr oder weniger inklusive)…

    Zur Rechtfertigung der Nachlässigkeit könnte man aber aufführen, dass es tatsächlich schwierig ist, bestimmte Daten von überall zugänglich zu haben ohne einem Cloud; und eine private Wolke (http://www.conrad.de/ce/de/product/415648/?insert=TU&WT.mc_id=nl_b2c_20131010_festplatte&agn=46791701) stellt zumindest für mich in diesem Fall nur eine unzureichende Alternative dar, eine 2. Wahl so zu sagen.

    Wärmste Grüße und ich freue mich über weitere Beiträge und Themen zum Nachdenken an einem kalten Herbstabend…
    Monika

  3. […] gut kostruktivistisch: unsere Welt – verändert sich auch. Die Auswahl an Informationen, die Hoheit über geistiges Eigentum, damit auch unser eigenes Recht (und die Möglichkeit) über uns und unser Bild von uns selbst zu […]

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