236 Gedanken: Liebevolle Überwachung

Liebe Leute,

neulich bin ich über eine kurze Zeitungsnotiz gestolpert: Facebook — bzw. genauer: die Facebook-Data-Science-Abteilung, der unternehmenseigene Marktforschungs-Service — hat untersucht, wie sich Liebesbeziehungen in Facebook abbilden.

Die Ergebnisse wirken auf den ersten Blick wenig überraschend. So sind zum Beispiel in den Partnerschaften auf Facebook die männlichen Partner in der Regel älter. Durchschnittlich um 2,4 Jahre. Oder dass Paare, die schon lange zusammen sind, sich weniger wahrscheinlich trennen. Diese Daten könnte man als Validierung der Untersuchung deuten. So wird gezeigt, dass sich die gewonnenen Erkenntnisse auch mit guter Wahrscheinlichkeit verallgemeinern lassen; sie sind plausibel.

Etwas interessanter, aber immer noch wenig innovativ, ist die Erkenntnis, dass je älter ein Paar ist, desto größer ist auch der Altersunterschied zwischen den Partnern. Das könnte man tatsächlich auf die spezielle Zielgruppe hin deuten: Wenn sich ältere noch auf Facebook herumtreiben, könnte da ein jüngerer Partner/jüngere Partnerin im Spiel sein, der/die noch zur Zielgruppe gehört.

Den spannendsten Teil finde ich aber den, in dem das Werden und Vergehen von Partnerschaften analysiert wird: Wenn sich eine Beziehung anbahnt, steigt die Anzahl der gegenseitigen Timeline-Posts an. Ist der Status dann ‚bestätigt‘, die Beziehung eine offizielle, sinkt die Anzahl der Posts rapide. Das Paar bleibt unter sich. Dafür werden die Posts emotionaler – wie auch immer das gemessen wird.

Endet dagegen eine Beziehung, steigt die Aktivität im Freundeskreis am Tag vor der Trennung deutlich an, schnellt nach der Trennung in die Höhe um sich dann langsam wieder (auf höherem Niveau) einzupendeln.

Auch diese beiden Ergebnisse wirken plausibel und lassen sich mit Individualempirie in den eigenen Freundeskreisen (auch im ‚echten Leben‘) bestätigen. Interessant ist aber, wieviel Information sich offensichtlich aus Metadaten herausholen lässt: Wer hat wann wie viel Kontakt zu wem? Daten, die uns zunächst nicht besonders brisant erscheinen. Aber mit diesen Erkenntnissen im Hintergrund lassen sich daraus offensichtlich Vorhersagen zum Verhalten machen. Paarbildung bzw. Trennung lassen sich aus dieser Vogelperspektive vorhersehen.

Ein Trend ist, dass Unternehmen Arbeit und Kosten an die Kunden verlagern. Erst letzte Woche hat mich wieder ein Dienstleister darüber in Kenntnis gesetzt, dass er mir seine Rechnungen in Zukunft nur noch in die Postbox auf seinem Server stellen will, wo ich sie herunterladen und ausdrucken kann – wenn ich denn will. Wäre ich nicht einverstanden, sollte ich bitte protestieren.

Diese Verlagerung zu den Kunden kennen wir ja auch aus dem eLearning. Wenn Literatur und Materialien online zur Verfügung gestellt werden, sind die Druckkosten in jedem Fall bei den Studierenden, die ja nur noch Elektronen geliefert bekommen. Dass nun allerdings auch die Geheimdienste eine ähnliche Strategie gefunden haben, finde ich schon ziemlich abgefahren: Wir führen bei Facebook (und ähnlichen sozialen Netzwerken) unsere Akte selbst. Wo wir sind, was uns beschäftigt, mit wem wir Kontakt haben, wer uns interessiert usw., all das muss nicht mehr mühsam zusammengetragen werden. Wir stellen es selbst zur Verfügung.

So betrachtet war diese Studie von Facebook ein geschickter Schachzug. Der Konzern hat an einem ‚netten‘ Beispiel, das uns eher zum Schmunzeln anregt, einmal kurz die Instrumente gezeigt. Fragt sich nur wem? Uns zur Warnung oder potenziellen Kunden des Marktforschungs-Service als Werbung?

Ich grüße Euch herzlich
Stephen

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2 Responses to 236 Gedanken: Liebevolle Überwachung

  1. Jessica sagt:

    Das ist ja wirklich interessant. Die Myriaden von Daten, die Facebook speichert, haben damit sogar einen wissenschaftlichen Zweck. Daran anknüpfend stellt sich mir auch die Frage, ob es dann nicht auch sinnvoll wäre, diese Daten der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, die zudem sehr unverfälscht wären (z.B. hinsichtlich Sozialer Erwünschtheit)….

    Viele Grüße

    Jessica

  2. […] über geistiges Eigentum, damit auch unser eigenes Recht (und die Möglichkeit) über uns und unser Bild von uns selbst zu verfügen oder auch unser Zusammenleben und Umgang mit Konflikten und Frustrationen haben […]

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