236 Gedanken: Schwäbische Lernplattform versus Berliner Corporate E-Learning

„Wir lernen auch am offenen Herzen. Jeder Mediziner oder jeder Patient würde das ablehnen, so operiert zu werden. Aber da sich die EDV-Anlage ja nicht wehren kann, soll es sein.“

(ein Netzwerkadministrator, in Molzberger (2007): S. 226)“

 

Mehr als ein Jahr ist nun vergangen, seitdem ich meinen Zuständigkeiten im Bereich Blended Learning an der Hochschule für Technik Stuttgart abgab und nach Berlin zog, um dort meinen ersten Fußabdruck in der freien Wirtschaft zu hinterlassen. Bei Conworx bin ich aktuell innerhalb der Gemengelage zwischen Corporate E-Learning und Projektmanagement angesiedelt – und gerade deswegen stand ich vor einer besonderen Transformation, von welcher ich hier heute berichten möchte.

Mehrere Jahre war ich für das Learning Management System (LMS) Moodle zuständig, gab technisch-didaktische Workshops, erstellte Kurse und hatte ein offenes Ohr für jedermann, der mit Fragen auf mich zukam. Hierbei war vor allem Überzeugungsarbeit bei den Dozierenden zu leisten, wieso denn eine Lernplattform gut sei und nicht nur als reine Dokumentenablage zu nutzen sei. Meine Aufgaben waren also eher kommunikativer-administrativer Natur und meine Kundengruppe quasi jedermann.

Hier in Berlin machte ich nun Bekanntschaft mit einer mir unbekannten E-Learning-Autorensoftware namens WBTExpress der polnischen Firma 4System. Die von mir erstellten Kurse für POCT-Geräte zielen auf das Pflegepersonal von Krankenhäusern ab und bieten nur geringe Interaktivität, sondern vielmehr ein selbst gesteuertes Erlernen von Handlungsabläufen mit Beispieltexten, -bildern und –videos. Am Ende findet ein automatisch ausgewerteter Test statt, welcher nach Bestehen die Nutzerrechte der Person für das Gerät freischaltet.

Diese beiden Positionen sind von sehr unterschiedlicher Natur und von unterschiedlichem Willen geprägt. In der Hochschule – so kommt es mir vor – wird sehr viel Zeit und Geld in die Hand genommen, um die Lehre zu verbessern (Stichwort „Qualitätspakt Lehre“), während in der freien Wirtschaft genau darauf geachtet wird, dass auch E-Learning-Kurse ein „profit center“ bilden. Etwas überspitzt formuliert stehen hierbei also vorrangig interaktive-wissenschaftlich-kreative Lernformen jener der konsumtiv-effektiven Lernformen gegenüber.

Wie kommt man nun mit einer solchen Umstellung klar?

 

Für mich gesprochen haben beide Arten des Wissenserwerbs ihren Charme und ich versuche das beste aus beiden zu verinnerlichen:

Die Lernplattform ist vielseitig und kommunikationsbetont, erfordert viel Planungs- und Betreuungsaufwand für die durchschnittlich 14 Veranstaltungseinheiten, was jedoch nur selten von den Studierenden und Dozierenden eingeplant und ausgenutzt wird, es sei denn es wird Top-Down mit Druck (Noteneinfluss) oktroyiert. Alleine das Aufsetzen und Warten des LMS beschäftigte im Rechenzentrum eine Person beinahe zur Gänze, hinzu kam die Betreuung weiterer Tools wie eKlausuren oder Classroom Recording, welche auch gegen finanzielle und didaktische Zweifler verteidigt werden wollten.

Ein automatisierter Kurs zum Durchklicken hingegen entbehrt jedes Austauschs mehrerer Teilnehmer untereinander, kann dafür aber vom Nutzer eigeninitiativ in eine zeitliche Lücke untergebracht werden und verfügt im Fall von POCT-Geräten über eine zwingende Notwendigkeit einer Partizipation, da sonst nach Ablauf einer Frist die Pflegekraft nicht mehr berechtigt ist das Gerät zu bedienen. Bei der Produktion mittels der Autorensoftware WBTExpress hatte ich einen begrenzten Zeitraum zur Vorgabe, wobei späterer Arbeits- und Betreuungsaufwand nur vereinzelt notwendig wurden. Hiermit halten sich die Kosten für den Kursentwickler, aber auch die didaktische Tiefe für den Nutzer, im Rahmen und sind verhältnismäßig gut planbar.

 

Fazit: Ich sehe die hochschuleigenen Lernplattformen samt hohem Betreuungsaufgebot für den Hort neuer Didaktikinnovationen, welcher mich stets am state-of-the-art hielten. Beim Corporate E-Learning der Wirtschaft war ich in der Situation aus einer vorausgewählten Toollage ein jeweils zur Situation passenden, sich aber dennoch meist ähnelnden, kleineren Rahmen umzusetzen und diesen auf Rentabilität auszurichten – auch wenn es für mich ein Ernstfalltraining und Lernen am offenen Herzen bedeutete. In der Hochschule gibt es immer jemanden, der mir unter die Arme greifen konnte, wenn ich drohte vom Artistenseil abzurutschen. In der schlanken Struktur eines mittelständischen Unternehmens kann ein solcher Ausrutscher deutlich größere und teure Folgen nach sich ziehen als mir das zu Beginn je bewusst war.

Dennoch haben beide Seiten ihre Vorzüge und ich bin stolz darauf, beide erfahren haben zu dürfen.

 

Einen schönen Juni und bis zum nächsten Eintrag wünscht Euch

Euer Florian

 

 

Literatur:

 

Molzberger, G. (2007): Rahmungen informellen Lernens. Zur Erschließung neuer Lern- und Weiterbildungsperspektiven. Wiesbaden

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