236 Gedanken: Entgrenzte Medien und Menschen

Liebe Leute,

mit dem Juli neigt sich auch das Semester seinem Ende zu – dieses Mal für mich ganz neu ohne ein Seminar am IBW oder mit eLearning, dafür aber mit neuen Themen und Erfahrungen.

kritische GänseIm verflossenen Semester fand an der PH eine Ringvorlesung zur Kritischen Theorie und ihrer Bedeutung für die Pädagogik statt. Eine Reihe namhafter Vertreter einer an der kritischen Theorie orientierten Wissenschaft hat mittwochabends vorgetragen. Anschließend gab es die Gelegenheit zur Diskussion, die ziemlich interessante Ergebnisse zeitigte.

Einer der Gäste war Andreas Gruschka, dessen Buch zu dem ‚Kreuz mit der Vermittlung‘  mir hier im Blog schon Anlass für einen aus 236 Gedanken bot. Sein Referat über Sinn und Zweck ‚negativer Pädagogik‘ reizte mich alleine schon wegen der damaligen Kolumne. Er betonte auch in seinem Vortrag wieder, dass es ihm nicht darum gehe, zu sagen, wie Pädagogik sein müsse, „nicht darum, erzieherisches Handeln theoretisch zu begründen – wozu es genug Ansätze gibt –, sondern darum, aufzuklären, warum die Pädagogik in der Praxis nicht das ist, was sie der Theorie nach sein soll und wie die Handelnden mit diesem Widerspruch umgehen.“

Im anschließenden Gespräch zeigte sich dann aber kein grantelnder an der bösen und schlimmen Welt herumzeternder Pädagogikprofessor, sondern ein an der Diskussion interessierter Provokateur mit Schalk in den Augen. Tatsächlich wurde dann auch schnell deutlich, dass er zwar daran interessiert ist, den „Widerspruch zwischen dem, was etwas zu sein beansprucht, und dem, was es wirklich ist“, herauszuarbeiten. Sein Ziel ist aber eben doch die pädagogische Praxis zu verbessern. Außerdem war eine erstaunliche (vielleicht sogar für ihn selbst) Erkenntnis in der Diskussion, dass seiner Forschung ein klares Ideal davon zugrunde liegt, was gut sei, wie guter Unterricht/gute Erziehung/… aussehen muss, – dass sein Vorgehen also gar nicht durchweg negativ ist. Im Gegenteil, ich habe selten ein so vehementes und einnehmendes Votum für gute pädagogische Praxis gehört wie hier. Das tat gut zu hören.

Ein zweiter interessanter Vortrag kam von Rainer Funk, dem Nachlassverwalter und Herausgeber von Erich Fromms Schriften. Er sprach über die Medien und ob sie zu einer Entfremdung des Menschen führten. Zu dieser Frage hat er u.a. bereits 2012 einen Vortrag in Mainz gehalten unter dem Titel „Was machen die Medien mit den Menschen?“, dessen Manuskript hier online verfügbar – also nachlesbar – ist. Die Frage, was Medien mit Menschen machen, ist für uns als am eLearning, also dem Lernen von Menschen mit Medien, Interessierte ja nicht völlig egal.

Funk postuliert, dass zur Zeit ein neuer Persönlichkeitstypus entstehe, der ‚ich-orientierte Charakter‘, dessen hervorstechendes Merkmal sei, selbst vollständig über sein Leben und sein Sein bestimmen zu wollen, der daher nach Entgrenzung strebe. Ich-orientierte Charaktere wollen alles, was sie ein- und begrenzt, beseitigen, Grenzen überwinden und sich selbst verwirklichen. Fraglich dabei ist, was dieses ‚Selbst‘ eines entgrenzten Menschen eigentlich ist, da wir uns doch erst durch die Abgrenzung von anderem und anderen definieren können. Er macht dies etwa am Beispiel des Verständnisses von Beziehungen deutlich (S. 8f). In einer Beziehung ginge es darum eine emotionale Bindung mit größtmöglicher Autonomie zu verwirklichen, Nähe und Distanz auszubalancieren. Dagegen stellt er die ‚Kontakt‘-Pflege, bei der es (im Idealfall) um andere Werte gehe, wie bspw. Toleranz, Kooperation und Fairness – was an sich nicht schlecht ist, aber eben auch keine verlässliche Bindung ersetzen kann und damit als Modell für (Liebes-)Beziehungen problematisch ist.

Die Rolle der Medien sieht er zum einen darin, dass sie Entgrenzungen ermöglichen (Loslösung von Raum und Zeit) und vor allem darin, dass mit ihnen Emotionen inszeniert und simuliert werden können. Gefühle sind für uns kaum kontrollier- und steuerbar, sodass sie dem Entgrenzungsstreben des ich-Orientierten entgegenwirken. Sie begrenzen immer wieder die eigene gewollte Gestaltungsmacht über das eigene Ich. Andererseits sind sie etwas höchst Individuelles, Eigenes und daher wesentlich für den Selbstentwurf. Hier helfen nun die Medien, indem sie uns Angebote machen, an fremden Emotionen teilzuhaben (Inszenierung) bzw. sie in virtuellen Welten selbstgesteuert zu erleben (Simulation), indem wir bspw. Spiele spielen oder neue Identitäten annehmen.
Die Medien verführten uns dazu, unsere eigenen Gefühle und Stimmungen zu ignorieren und uns stattdessen von emotionalisierten Medienbotschaften be-stimmen zu lassen.

Eine zentrale Annahme Funks ist, dass es immer mehr Menschen gäbe, die dieses Entgrenzungsstreben verspüren (S. 5). Beim Zuhören ging mir allerdings an dieser Stelle ein Fragezeichen auf. So, wie er es formuliert, verursachen die Medien das Entgrenzungsstreben. Da habe ich Zweifel. Ist es nicht vielmehr so, dass der Wille, sich frei selbst zu erfinden, dem Menschen innewohnt und jetzt mit den Möglichkeiten der Medien (endlich?) einen Weg gefunden hat, sich leichter zu verwirklichen.
Ich kann mit meiner beschränkten Lebenserfahrung nur einen kleinen Ausschnitt der Geschichte beurteilen. Aber es ging mir so, dass ich im Vortrag die Analyse Funks gut teilen konnte; die Beschreibung wirkte auf mich zutreffend – nur den Eindruck, hier entstehe etwas Neues, den hatte ich nicht so sehr.
Wenn Ihr das Vortragsmanuskript lest, welchen Eindruck macht es auf Euch? Stimmt seine Zeitanalyse? Zeichnet er ein zutreffendes Bild?

Spannend auch die (für uns) weiterführende Frage, welchen Einfluss diese Veränderungen auf das Lernen mit Medien haben. Denn auch dem eLearning wohnt eine Tendenz zur Entgrenzung inne…
Ändert sich damit auch unser Lernen, wenn wir dafür Medien verwenden? Beschreibt vielleicht der Konnektivismus, den wir in einer vergangenen Kolumne (und den dazugehörigen Kommentaren) eher skeptisch betrachtet haben, diese neue entgrenzte Lernwelt doch ganz zutreffend?

Mit diesen Gedanke wünsche ich Euch einen schönen Sommer und grüße herzlich aus Heidelberg
Stephen

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One Response to 236 Gedanken: Entgrenzte Medien und Menschen

  1. […] Welt (bzw. unsere Konstruktion von Welt) sowie unsere Konstruktionsweise von Welt verändert habe, verändert sicherlich wiederum auch […]

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