236 Gedanken: Verunsicherte Disziplin

Liebe Leute,

vor ziemlich genau einen Monat war ich in Göttingen bei der Gemeinschaftstagung des Netzwerks ‚Methodologien einer Empirie pädagogischer Ordnungen‘ und der DGfE-Kommission Wissenschaftsforschung. Drei Tage lang kreisten die Vorträge und Diskussionen um die empirischen Methoden unserer Wissenschaft (heiße sie nun Pädagogik, Erziehungs-, Bildungs- oder gar Vermittlungswissenschaft…). Im Mittelpunkt stand die Frage (laut Ausschreibung), „ob und wie sich Pädagogisches überhaupt als Pädagogisches empirisch erschließen lässt“.

Von fremdem Nektar schlürfenDas heißt, es stand zur Debatte, was eigentlich genau der Gegenstand der Pädagogik (…) ist und ob er überhaupt (empirisch) erforschbar sei. Im eLearning sieht man es recht deutlich: Dort ist die eigentlich didaktische Frage nach dem Was? und Wie? des Lernens und ihre Erforschung weitgehend an die Lernpsychologie vergeben worden. Bei Fragen der Medienwahl, des sozialen Lernens, der Gruppengrößen und -zusammensetzung, der Gestaltung von Bildschirmen usw.ziehen wir psychologische Erkenntnisse und Theorien heran. Wenn wir aber versuchen, das in den Blick zu nehmen, was eigentlich genau geschieht, wenn wir am und mit dem Computer zu lehren und zu lernen versuchen, dann wird der Blick mit einem Mal seltsam unscharf. Warum hat eLearning mit hohen Abbrecherquoten zu tun? Welche Bedeutung hat die persönliche Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden im eLearning? Kann sie einfach ersetzt werden durch die Beziehung zu ggf. vorhandenen Mitlernenden? Wer schafft die Dignität des Lerngegenstandes, sprich: Wer schafft das Vertrauen darein, dass überhaupt etwas sinnvolles gelernt werden kann?
Im Eröffnungsvortrag von Heinz-Elmar Tenorth – immerhin ja kein ganz kleines Licht in der Erziehungswissenschaft – fiel kurz das Bonmot: „Es gibt keine Erziehungswissenschaft, weil es keine eigenen erziehungswissenschaftlichen Methoden gibt“. Ein Gutteil der Theorien und Forschungsmethoden der Erziehungswissenschaft sind aus anderen Wissenschaften entliehen. In der Folge machte über die ganze Tagung das Schlagwort von der ‚verunsicherten Disziplin‘ die Runde, von einer Wissenschaft, die sich weder ihres Gegenstandes noch ihrer Methoden sicher ist.

Tatsächlich scheint mir dieses Problem aus zwei Wurzeln zu stammen:
Zum einen ist der Gegenstand der Pädagogik ein sehr komplexer, ins Alltagsgeschehen verwobener. Erst dadurch, dass wir genau hinschauen und sagen: „Das ist aber ein pädagogischer Prozess“, etwa, wenn jemand mit dem Computer lernt, eine Bedienungsanleitung liest, seinem Kind beibringt, wie man mit der Gabel ist u.s.w., tritt er aus seinem Lebenszusammenhang heraus und wird als pädagogischer Vorgang deutlich. Dabei ist diese Zuschreibung aber zeitgebunden. Was wir heute als pädagogisch sehen, unterscheidet sich u.U. deutlich von dem, was frühere Generationen als solches empfunden haben – bei der Frage, was als pädagogisch richtig zu sehen ist, wird es noch deutlicher. Man vergleiche nur die Erziehungsideale und -methoden der fünfziger Jahre mit den heutigen. Unser Gegenstand ist höchst zeit- und kulturgebunden; er ist gesellschaftlich bestimmt und gesellschaftlich zu definieren anstatt stabil und überzeitlich konstant.
Und als zweites hat die Pädagogik eine Doppelrolle. Sie ist zum einen eine Reflexionswissenschaft, die Prozesse der Erziehung und Bildung zu beschreiben, zu verstehen und zu erklären versucht. Zum anderen will sie aber auch als Handlungswissenschaft die pädagogische Praxis verbessern, ‚Werkzeuge‘, ‚Methoden‘, praktische Handlungsanregungen für pädagogisch Tätige geben. Damit steht sie in einem Spagat zwischen einer grundlagen- und einer anwendungsorientierten Wissenschaft. So wie die Ingenieurwissenschaften keine eigenen (Grundlagen-)Forschungsmethoden haben, hat die Physik keine eigenen Methoden für die Anwendungsforschung. In der Pädagogik versuchen wir beides unter einen Hut zu bekommen.

Mit diesen – noch etwas ungeklärten – Gedanken grüße ich Euch aus Heidelberg und wünsche Euch einen schönen, goldenen Herbst
Stephen

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