236 Gedanken: Räumliches Lernen – Lernräume

Liebe Leute,

in der vergangenen Woche war ich in Kaiserslautern auf der Fachtagung „Selbstgesteuert, Kompetenzorientiert und Offen?!“ der TU, des DISC und der Hochschule Kaiserslautern.

LernraumNicht nur dass ich dort zufälligerweise Jessica getroffen habe, die gerade ihren Arbeitsvertrag unterschrieben hat (Herzlichen Glückwunsch noch einmal und einen guten Start heute!), es war auch eine interessante Tagung mit anregenden Vorträgen. Besonders beeindruckt hat mich die Dokumentation der Tagung durch eine Tagungszeichnerin, die alles Wichtige kurz und pointiert in einem ziemlich großen Wandbild (Link nachgetragen am 6. März 2015) visualisiert hat. Eine Form, die meiner Denkweise sehr entgegenkommt und bei der ich es sehr spannend fand, meine Bilder im Kopf mit denen der Zeichnerin zu vergleichen.

Erzählen möchte ich aber von dem Workshop, den ich dort besucht habe: Sein Thema lautete ‚Lernarchitekturen‘. Nach einer Runde, in der jede/r seinen idealen Lernraum skizzieren sollte und einer weiteren, in der drei Gruppen — Lehrende, Lernende und Architekten — jeweils ihre Anforderungen an Räumlichkeiten formulieren sollten, die ausdrücklich dem Lehren bzw. Lernen gewidmet sind, kam es zur Kernfrage des Workshops: In mehreren Gruppen sollten die Teilnehmenden ein Konzept für Lernräume auf dem Campus einer mittelgroßen Universität entwickeln, ggf. sogar für ein ‚Haus des Lernens‘.

Die Gruppe, in der ich mitgearbeitet habe, ist die Frage ziemlich grundsätzlich angegangen, anstatt so konkrete Ideen zu entwickeln, wie Wintergärten an den Treppenhäusern zu bauen, Wasserkocher bereitzustellen und Sportgeräte zu integrieren. Unsere Grundthese war (sicherlich nicht unbeeinflusst von dem vorhergehenden Programmpunkt der Tagung, einem ‚Gespräch‘ zwischen Rolf Arnold und John Erpenbeck), dass Lernen ein selbstorganisiertes — ggf. auch widerständiges — Geschehen ist, das sich nicht in Institutionen erzeugen lässt. (An dieser Stelle gab es einen längeren Disput mit anderen Teilnehmern, da wir zunächst den Begriff ‚institutionalisieren‘ verwendet haben. — Aus einer soziologischen Perspektive wird Lernen aber vielfach institutionalisiert, etwa in Schulen, Hochschulen, Lernzentren usw. Die Frage ist nur, inwieweit in diesen Institutionen dann wirklich Lernen stattfindet.)

Aus dieser These folgt, dass Menschen überall lernen können, wo sie selbst lernen wollen; umgekehrt aber Orte, an denen sie lernen sollen nur (mehr oder weniger) zufällig auch zu Lernorten werden. Jeder kennt das, der sich einmal fragt, wie viel er oder sie wirklich in den Klassenräumen der Schule gelernt hat — und wie viel im Vergleich dazu an anderen Orten.

Daraus haben wir den Schluss gezogen, dass ein intendiertes ‚Haus des Lernens‘ wenig sinnvoll ist und die im Workshop-Szenario verfügbaren Millionen besser ausgegeben werden, indem auf dem Campus eine vielseitige und vielgestaltige Landschaft geschaffen wird, die nicht nur die Raumbedürfnisse möglichst vieler Lernenden(gruppen) anspricht, sondern auch ausdrücklich dafür verfügbar ist. Das heißt, es müssen nicht nur die räumlichen Gegebenheiten geschaffen werden – uns gingen sofort Ideen wie einen Landschaftspark zu schaffen durch den Kopf, in dem man alleine oder in Gruppen flanieren kann, sich in eine begrünte Laube zurückziehen kann, sich auf einer Wiese ausbreiten etc., oder auch die Überwindung der Trennung von Campus und Stadt, sodass Leben und Lernen wieder enger zusammenrücken — sondern die (potenziellen) Lernenden müssen auch Verfügungsgewalt über die Räume bekommen, sie sich aneignen können. Weg mit Verbotsschildern, Funktionszuschreibungen und Lenkungen.

Auf der Rückfahrt aus Kaiserslautern dachte dann darüber nach, dass diese eher an Architekten gerichtete Frage auch für das eLearning ziemlich spannend ist. Denn dort schaffen wir ebenfalls (virtuelle) Räume, in denen gelernt werden soll. Wir geben uns Mühe, sie zum Lernen passend und vielleicht auch angenehm zu gestalten. Andererseits schreibt die Software stets bestimmte Wege vor und verbietet andere; der virtuelle Lernraum ist nur begrenzt veränderbar und damit anzueignen (im Sinne von ‚zu eigen machen‘). Auch ist Vielgestaltigkeit im eLearning ebenfalls relevant: Wie viele unterschiedliche Zugangs- und Lernweisen ermöglicht mein Angebot? Gibt es genau eine Art, wie damit gelernt werden kann, ein Pfad, ein Lernmodus, eine Zeitstruktut usw.? Oder habe ich verschiedene Wege damit zu arbeiten, kann ich ggf. sogar eigene Wege entwickeln, die nicht nur defensives Lernen oder Verweigerung bedeuten? Und die Frage der Beziehung des Lernens zum ‚echten‘ Leben ist im eLearning ebenfalls relevant. Denn hier kollidieren sie u.U. viel deutlicher als bei vielen anderen Lernformen: Der Kollege, der kurz seinen Kopf durch die Bürotür steckt während ich am Computer sitze und zu lernen versuche, das Kind, das neben dem Schreibtisch steht und auch mal in den Computer gucken will, oder ‚nur‘ der gute Geruch aus der Küche und der Stapel Bügelwäsche, die alle Konzentration auf sich ziehen — das sind Faktoren, die beim Lernen in extra geschaffenen Real-Life-Institutionen ausgeblendet werden, beim eLearning aber durchaus eine Rolle spielen können.

Ich frage mich schon länger, ob wir bei der Gestaltung virtueller eLearning-Welten nicht etwas von Architektur und Städtebau lernen können. Wie seht Ihr das?

Damit grüße ich Euch aus Heidelberg, wünsche Euch einen schönen März und einen guten Start ins Frühjahr

Stephen

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One Response to 236 Gedanken: Räumliches Lernen – Lernräume

  1. Susanne Hayek (Barth) sagt:

    Lieber Stephen
    Dein anregender Artikel hat mich mit anderen Augen auf meinen aktuellen Arbeitsschwerpunkt schauen lassen. Ich bin QMB in einem stark wachsenden Unternehmen (in München), das Gesamtpakete für Kunden anbietet. Diese Pakete werden nacheinander in den entsprechenden Abteilungen abarbeitet (isoliert voneinander).

    Mit der Einführung der ISO 9001 sollen die Verbindungsstellen transparenter werden und die Abteilungen mehr von der Arbeit der anderen erfahren, um das Endergebnis (immerhin ein Gesamtprodukt) zu optimieren. Es handelt sich um ein vernetztes Unternehmen (nach außen). Meine Aufgabe ist es, das Unternehmen auch nach innen vernetzt aufzustellen. Das beinhaltet viel Bewusstseinsarbeit (der ISO Philosophie und auch zum Thema „Vernetzung“ und „Lernen“).
    Für meine Schulungen surfe ich gerne nach „gestreamten“ Beiträge durchs Internet und habe zum Thema Vernetzung ein paar schöne Clips gefunden (https://www.youtube.com/watch?v=WIMcAQRCuR4)

    Peter Kruse spricht (als Unternehmensberater) davon, dass wir künftig nur noch den Raum dafür zur Verfügung stellen können, der etwas erzeugen kann (z.B. Kreativität, Lernen, etc.). Das trifft wohl direkt auf das Thema Architektur.

    Er sieht den modernen Unternehmer eher als Architekt. Seine Ausführungen über verschiedene Lernformen spiegelt sehr wieder, was ich/wir gerade durch die anstehende Zertifizierung in der Firma durchmachen (https://www.youtube.com/watch?v=w1BJ1KUkQoY)
    Viel Spaß beim Durchklicken. Vielleicht gibt es auch die ein oder andere Anregung für Euch.

    Ganz herzliche Grüße aus München von
    Susanne

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