236 Gedanken: Lernziele in Ordnung gebracht

Liebe Leute,

nun ist er da, der Sommer — und das Semester eilt auf den Schlusssprint und die Prüfungen zu. Aus Heidelberg grüße ich Euch mit den 236 Gedanken für den Juli.

Ein Klassiker in der pädagogischen Literatur ist die Lernzieltaxonomie von Benjamin Bloom et al.. Ziel der (US-amerikanischen) Arbeitsgruppe war es, eine Systematik aller denkbaren Lernziele aufzustellen. Nach einer Serie von Konferenzen wurde 1956 als erstes Ergebnis eine Taxonomie der kognitiven Lernziele veröffentlicht. Sie hat sich als überaus wirkmächtig gezeigt und wird weltweit genutzt. In vielen Publikationen finden sich – bewusst oder auch unbewusst – Anleihen an die Ideen dieser Arbeitsgruppe aus den 1950er Jahren. Die damals geplanten Ausarbeitungen zu affektiven und zu psychomotorischen Lernzielen haben bei weitem nicht die gleiche Wirkung oder auch nur Stringenz gehabt.
Die kognitiven Lernziele werden in sechs als aufeinander aufbauend verstandene Klassen unterteilt, die jeweils noch einmal verschieden stark ausdifferenziert sind. Jeder Stufe wird eine ganze Anzahl von Verben zugeordnet, mit denen ihre Lernziele zu beschreiben sind:
Erinnern stellt die erste Stufe dar, d.h. man ist in der Lage, gelernte Fakten, Methoden, Strukturen etc. unverändert aus dem Gedächtnis abzurufen und wiederzugeben.
Darauf baut das Verstehen auf. Darunter wird gefasst, das Gelernte auch mit eingenen Worten wiedergeben zu können, es erklären und interpretieren zu können sowie Konsequenzen und Implikationen des Gelernten erkennen zu können.
Hat man das Gelernte verstanden, so kann man es auch anwenden. Man ist in der Lage, abstrakte Ideen, Regeln und Methoden, die aus dem gelernten Wissen stammen, auch in konkreten Situationen zu verwenden.
Auf einer nächsten Ebene kann man das Gelernte selbständig analysieren; d.h. man ist in der Lage, einzelne Elemente zu identifizieren, Ihre Beziehung zueinander und die sich darin abbildenen Strukturen und Muster zu erkennen.
Aus der Analyse folgt die Synthese, bei der die einzelnen gelernten Elemente neu strukturiert werden können und so neue Muster entstehen.
Als letzte Stufe wird schließlich die Evaluation bzw. Bewertung aufgeführt, mit der die eigenständige Beurteilung gemeint ist, inwieweit die selbst synthetisierten Inhalte und Methoden einen gegebenen Zweck erfüllen.

Knapp fünfzig Jahre nach Ihrem Erscheinen wurde dieses Klassifikationssystem kognitiver Lernziele überarbeitet. Anderson und Krathwohl haben 2001 A revision of Bloom’s Taxonomy herausgegeben (ein Überblick hier). Sie haben drei wesentliche Dinge verändert:
Zum einen haben sie die Benennung und Reihenfolge der sechs kognitiven Prozessdimensionen verändert. Sie lauten nun: Erinnern, Verstehen, Anwenden, Analysieren, Bewerten und Erzeugen.
Zum zweiten betrachten sie die sechs kognitiven Prozessdimensionen nicht mehr als eine inklusive Hierarchie, d.h. sie gehen nicht mehr davon aus, dass jede höhere Stufe automatisch alle darunterliegenden beinhaltet. Insbesondere bei den beiden ‚oberen‘ Stufen gibt es nur wenig empirische Evidenz dafür; um bspw. kreativ neues Wissen zu erzeugen, muss man sich nicht zwangsläufig auch an bereits Gelerntes erinnern. (tatsächlich wird dasmit eine zunächst sehr plausibel klingende Kritik an dieser Taxonomie ausgehebelt. Andererseits verliert sie damit an Aussagekraft und wirkt weniger bestechend…). Einziges Kriterium für die Anordnung ist nun die Komplexität.
Zum dritten haben sie die kognitive Dimension mit den unterschiedlichen Typen von Wissen als zweite Dimension gekreuzt. Sie unterscheiden Faktenwissen als die Grundelemente des Wissensgebietes, konzeptionelles Wissen als die funktionellen Zusammenhänge zwischen diesen Grundelementen, prozedurales Wissen als das Wissen darum, wie etwas zu tun sei, und metakognitives Wissen über das (eigene) Denken und seine Strategien.
Daraus ergibt sich dann eine zweidimensionale Tabelle, auf der der sich jedes (kognitive) Lernziel einordnen und beschreiben lassen sollte.

anderson_krathwohl_2001

Nicht nur, dass man mit dieser Taxonomie Klarheit über seine eigenen Ziele erhält, man kann sie auch deutlicher an seine Lernenden kommunizieren. Und schließlich wird es auch ggf. einfacher bei Prüfungen zu einer Bewertung zu kommen, indem ich Aufgaben bzw. Fragen für die unterschiedlich komplexen Niveaus der kognitiven Prozessdimension stelle.

Allerdings erscheint diese Taxonomie, wie wohl jedes einfache Modell, schnell auch grob vereinfachend und schematisierend, wenn man sie einfach und unhinterfragt anwendet. Nichtsdestotrotz finde ich sie einen guten Ausgangspunkt (!), wenn man beginnt, seine Ziele zu präzisieren.

Mit diesem kurzen Ausflug grüße ich Euch herzlich und wünsche Euch schöne Sommertage
Stephen

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