236 Gedanken: Nicht fürs Leben lernen wir…

…sondern für die Uni.

Liebe Leute,

draußen scheint hier im Südwesten eine herrliche Herbstsonne und ich grüße Euch – mit einiger Verspätung – zu den 326 Gedanken für den November.
Zuerst bitte ich um Entschuldigung für die Verzögerung. Gestern saß ich in der Bahn und habe bis zu meinem Ziel einiges an Verspätung  . „Verzögerungen im Betriebsablauf“ war die Formel. Ähnlich hier bei dieser Kolumne. Im Oktober hat ein neues Semester angefangen, mit einer neuen Studierendengruppe, die ihr Studium aufnimmt und einer Vorgängerkohorte, die auf die ersten großen Prüfungen zuläuft.
Orientierung im Leben?Und das ist auch die Frage, die mich zur Zeit umtreibt. Vor einem Jahr haben wir einen großen Schnitt gemacht und die Anzahl der Prüfungen drastisch reduziert und damit auch die Abstände zwischen den Prüfungen verlängert. Neben dem Argument, dass damit die Prüfungsbelastung – für Lehrende und Studierende – geringer wird, war vor allem die Idee leitend, den Studierenden mehr Zeit zu geben, im Studium anzukommen, Dinge im Zusammenhang zu sehen, Themen über eine längere Zeit entwickeln und eigene Schwerpunkte setzen zu können.

Zu meiner Verblüffung kamen aber bereits im ersten Semester die ersten Fragen zu den — noch fern hinter dem Horizont liegenden — Prüfungen auf. Die Idee, dass man etwas für sich lernen solle, das nicht sofort in einer Prüfung zu einer quantifizierbaren Leistungsbestätigung führt, schien befremdlich. Von administrativer Seite gab es die Nachfrage, ob es nicht besser sei, den Studierenden gleich im bzw. nach dem ersten Semester eine Rückmeldung zu geben, ob sie das richtige Studium angetreten hätten, indem sie die ersten Prüfungsergebnisse bekämen.
Abgesehen davon, dass damit die Frage eröffnet wird, inwieweit die Noten einer Prüfung zu einem Stoff, der erst halb verdaut ist, Aussagewert haben können über die Eignung für ein bestimmtes Studium — oder gar ein bestimmtes Berufsfeld —, kann man sich auch Fragen, welche Prüfungsformate nach einem Semester an der Hochschule überhaupt sinnvoll möglich sind. Die meisten Studierenden sind einen Gutteil des ersten Semesters noch damit befasst, Lebens-, Lern- und Arbeitststrategien für den neuen Lebensabschnitt zu entwickeln. Dann irgendwelche in einem Modulhandbuch festgelegten Kompetenzen sinnvoll abzuprüfen — denn kompetenzorientiert soll nach Bologna geprüft werden — finde ich nicht gerade trivial. Häufig läuft das darauf hinaus, dass kurzfristig gelerntes abgefragt wird. Dass direkt nach Abgabe des Klausurbogens bereits das Vergessen anfängt, ist dabei Prinzip.
Gehört es nicht zum Studieren dazu, dass man eigene Ideen entwickeln kann, sich interessengeleitet Wissen aneignet und dass man seine Persönlichkeit im Studienzusammenhang an (selbstbestimmten) Themen weiterentwickelt, so in die Wissenschaft hineinwächst und gleichzeitig selbst auch die Wissenschaft anregt und weiterbringt? Man muss gar nicht die Humboldt’sche Idee der Universität als Stätte der Bildung bemühen („Durch nichts wird die Reife zur Freiheit im gleichen Grade befördert als durch Freiheit selbst.“), dass man ins Grübeln kommen kann, was wir mit einem an Prüfungen ausgerichteten Studium für eine kommende Generation ausbilden.
Mich würde sehr interessieren, wie Ihr dazu steht. Bei eL-Tut haben wir ja tatsächlich zwei Gruppen, die ziemlich unterschiedlich studiert haben. Einmal als Magister, einmal in einem Bachelor-Studium. Die Nachteile der ‚alten‘ Studiengänge — wie etwa der erschwerte Wechsel von einer Hochschule zur anderen, die latente Intransparenz und Willkür der Inhalte oder die Beliebigkeit der Studienstrukturen und -organisation — sind breit diskutiert worden. Aber sie sollten abgewogen werden, gegen die Freiheit, für’s Leben zu lernen und nicht für die Prüfung.

Damit grüße ich Euch herzlich aus Heidelberg und wünsche Euch noch schöne Herbsttage
Stephen

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2 Responses to 236 Gedanken: Nicht fürs Leben lernen wir…

  1. Hallo Stephen,

    deine 236 Gedanken haben mich zum Grübeln gebracht. Wie war das denn damals bei mir?

    Und ich muss gestehen, meine Gedanken in der Uni verliefen in denselben Bahnen wie bei den von dir beschriebenen Studis. Als ich dann wiederum überlegte, warum das so ist, habe ich zwei Knackpunkte identifiziert.

    1. Im ersten Semester habe ich mir erstmal versucht klar zu werden, ob ich mit dem, was ich studiere überhaupt klar komme. Und auch wenn du durchaus Recht hast und auch ich in diesem Zeitraum versucht habe „Lebens-, Lern- und Arbeitstrategien für den neuen Lebensabschnitt zu entwickeln“, fanden diese Dinge „nebenher“ statt. Vorrangigster Gedanke war und bleibt immer noch, mach ich diesen Studiengang weiter oder ist das nichts für mich?

    2. Diese Frage beantworten sich aber vermutlich die meisten Studierenden – wie ich auch – damit, wie gut sie in Prüfungen abschneiden. Denn auch wenn ich mit den Themen etc. gut zurecht komme, kann es sein, dass ich manche Dinge falsch verstehe, andere Schwerpunkte setze oder beim Lernen merke, dass ich mich nicht die nächsten Jahre mit diesem Themengebiet auseinandersetzen möchte. Denn (fachlich) „gelernt“, hab ich im ersten Semester eigentlich nur in Hinblick auf eine Prüfung. Man will ja als frischgebackener Student die Zeit nach dem Abitur auch etwas genießen. Diesem „Genießen“ stand aber die Angst gegenüber das Falsche gewählt zu haben und dann ein halbes Jahr „verschenkt“ zu haben.

    Der Casus Knacksus bleibt also immer noch: Wie macht man „Lernen“ attraktiver und wie gut bilden Prüfungen, den tatsächlichen Lernstand ab, bzw. zeigen Sie nur die Fähigkeit des Lerners gut auswendig zu lernen?

  2. mkukyte sagt:

    Lieber Stephen,

    wegen den „Verzögerungen im Betriebsablauf“ kam ich erst heute dazu die November-Kolumne zu lesen.

    Ich freue mich sehr, dass Du das Thema aufgegriffen hast. Neben all den tollen Reformen und neuen Konzepten finde ich es wichtig, den Sinn des Lernens, der vermutlich für jeden Menschen ziemlich individuell ist, nicht außer Acht zu lassen.

    Wenn ich über die eigene Erfahrung nachdenke, kann ich feststellen, dass ich schon immer vor Allem für mich und meine eigene persönliche wie professionelle Entwicklung gelernt habe. Ich weiß allerdings, dass unter meinen Kommilitonen/innen und Freunden/innen meine Auffassung oft sehr exotisch erschien.

    Wenn ich meine Studienerfahrungen aus dem BA Geschichte-Studium in Litauen an der Universität Vilnius und das Magister-Studium an der Universität Heidelberg vergleiche, finde ich, dass die Didaktik für das Lernergebnis ausschlaggebend ist. Das Studium in Heidelberg zeichnete sich durch viele intensive (Pro)Seminare aus, in denen die Denkprozesse durch Diskussionen angestoßen wurden. Diese Art des Lernens bringt in meinen Augen nachhaltigere Ergebnisse, als das Lernen für die Prüfung nach einer Reihe Vorlesungen, in den Studierende nur zuhören dürfen. In meinem BA-Studium hatte ich nämlich ausschließlich diese Form der Didaktik kennenlernen dürfen.

    Die abschließenden Prüfungsnoten waren übrigens in beiden Studiengängen vergleichbar, der Zugewinn an Wissen nicht.

    In dem beschriebenen Fall, wenn die Prüfungen zu einem späteren Zeitpunkt verlegt werden, sehe ich noch einen anderen besonderen pädagogischen Aspekt. Die Studierende werden herausgefordert ihre gewohnten Pfade zu verlassen, eine neue Erfahrung der Wissensaneignung und -prüfung zu machen und, somit dient das Verlassen der Komfortzone einer weiteren Entwicklung der eigenen Kompetenzen.

    Viele Grüße und eine schöne Adventszeit
    Monika

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