236 Gedanken: Media rules!

Liebe Leute,

in unserem Blog habe ich mir ja bereits das eine oder andere Mal Gedanken darüber gemacht, wie Medien und neue Medienentwicklungen unser Leben verändern. Nicht nur in dem Sinne, dass manches einfacher wird, wir schneller und bequemer Zugriff auf Informationen erhalten. Unsere Sicht auf die Welt – und damit gut kostruktivistisch: unsere Welt – verändert sich auch. Die Auswahl an Informationen, die Hoheit über geistiges Eigentum, damit auch unser eigenes Recht (und die Möglichkeit) über uns und unser Bild von uns selbst zu verfügen oder auch unser Zusammenleben und Umgang mit Konflikten und Frustrationen haben sich verändert. Dass sich unsere Welt (bzw. unsere Konstruktion von Welt) sowie unsere Konstruktionsweise von Welt verändert habe, verändert sicherlich wiederum auch uns.

Kennen gelernt haben wir uns im Kontext des eLearning; immernoch das Kernthema dieses Blogs. Für mich war damals besonders faszinierend zu sehen, dass gerade in der vermeintlich distanzierteren – virtuellen – Form des gemeinsamen Lernens eine so enge Bindung aneinander, eine so starke Gruppenbildung stattgefunden hat. Keine meiner Präsenz-Lehrveranstaltungen hat bisher ein eigenes Netzwerk oder gar einen eigenen Blog evoziert. Nicht nur im Kontakt zum Lehrenden sondern noch mehr im Kontakt mit den Mitlernden sehe ich eine echte Stärke im eLearning der Form, wie wir es bei eL-Tut entworfen haben. Eine außergewöhnliche Verbundenheit, aber auch Verbindlichkeit. Wenn es bei jemendem klemmt, dann merkt man es binnen Tagen wenn nicht Stunden  und kann helfen. Andersherum war es eine Selbstverständlichkeit, sich bei Dozierendem und der Lerngruppe ›abzumelden‹, wenn man nicht kann. Bei Präsenzveranstaltungen anscheinend eine nicht selbstverständliche Höflichkeit.
Andererseits war es bis zum ersten Präsenztreffen auch immer mit einem ganzen Stück Unsicherheit verbunden: Wer ist der andere eigentlich? Aber trotzdem hatten sich bis dahin häufig feste Teams, gute Beziehungen, manchmal sogar Freundschaften entwickelt. (Umgekehrt funktioniert es sicherlich auch: Auch Abneigungen und Unverträglichkeiten hatten sich in der Regel bis zum ersten Treffen bereits manifestiert.)
Dieser Effekt, das enge Zusammenspiel einer Gruppe von Menschen beim gemeinsamen Lernen (wenn ich an die Erfahrungen mit dem Leipziger Online-Seminar denke, sogar sehr großen Gruppe), die sich im traditionellen Sinne kaum kennt — Das war für mich etwas neues. Möglich gemacht wird es durch die Form, durch das Medium, das die Kontaktwege bereitstellt, einen Rahmen und bestimmte Wege vorgibt und Räume eröffnet, die es bis dahin an der Uni so nicht gab.

jDie Frage, wie man mit Medien und den Veränderungen, die sie mit sich bringen, umgehen soll, stellt sich mir jetzt in meinem derzeitigen Kontext noch einmal neu: Ich bin über den Appell gestolpert: »Haltet die Kinder bis zum 12. Lebensjahr von Computern fern!« Nach kurzer Recherche bin ich auf das Statement von Henning Kullak-Ublik aus dem Vorstand des Bundes freier Waldorf-Schulen gestoßen, den er (erstaunlicherweise?) bei Xing veröffentlicht hat. In der Medienpädagogik ist es eine alte Diskussion: Was mache ich mit Medien und Kindern? Ab wann darf (oder muss) ich sie mit neuen Medien in Kontakt bringen?
Die Argumentation von Herrn Kullak-Ublick ist, dass Kinder zuerst ganzheitlich ihre Fähigkeiten und ihre Persönlichkeit ausbilden müssen, bevor sie in der Lage sind, Medien zu verstehen, die die Welt auf einzelne, dekontetextualisierte Informationen reduzieren. Erst wenn ich eine reichhaltige Persönlichkeit entwickelt habe und die Vielfalt und Vielgestalt der Welt (sinnlich) erfahren und verinnerlicht habe, vermag ich differenziert mit den Medien umzugehen.
Verkürzt: Wir machen Kinder medienkompetent (apropos…), indem wir sie von den Medien zunächst fernhalten.

Nun ist das nicht einfach nur eine alte bewahrpädagogische Position, dahinter steht ja ein konstruktiver Umgang; die Argumentation lautet nicht, dass Medien per se schlecht und verderblich sind. Im Gegenteil, alleine der Publikationsort spricht schon dafür, dass der Autor die neuen Möglichkeiten durchaus zu schätzen weiß. Vielmehr geht es darum, Menschen kompetent zu machen für den Umgang mit den Medien und ihren besonderen Eigenschaften, mit Ihrem Einfluss auf unsere Weltsicht.

Was ich mich aber frage, ist, ob da nicht ein bestimmtes Bild dahinter steht, von einer ›richtigen‹ Weltsicht. Für mich wird dabei unterschätzt, dass sich neue Kompetenzen herausbilden, mit den Möglichkeiten umzugehen. Es ist ja nicht so, dass die Medien einfach auf uns (und dabei schließe ich unter-12-Jährige ein) wirken. Wir sind — auch wenn wir es gerne mal vergessen — aktive Nutzer. Bei Kindern sieht man das noch viel stärker. Wir entwickeln Ideen, Theorien, Umgangsweisen. Wir integrieren die Technik in unser Leben, machen uns manchmal abhängig von ihr, bürsten sie aber auch manchmal gegen den Strich, entfremden sie, machen sie uns nutzbar und nicht zuletzt: wir spielen mit Ihr und genießen die Möglichkeiten.
Das fällt uns aber umso leichter, je weniger wir bereits festgelegte Weltbilder haben. Mir fällt es draußen nach wie vor schwer, Karte und Kompass sein zu lassen und stattdessen einem GPS zu vertrauen. Mir fehlt dabei die Sinnlichkeit, das Gefühl ›ganz‹ in der Landschaft zu sein, indem ich sie selbst in meinem Kopf abbilde. Ich sehe aber durchaus, dass alleine die Koordination von virtueller Welt (die Karte im Gerät mit allen Zusatzinformationen, die in der Landschaft nicht zu sehen sind — ›Wo ist das nächste Gasthaus?‹, ›Wie haben es andere bewertet?‹ usw.) und echter Welt eine Fähigkeit ist, die mir ein Stück weit abgeht.
Johanna Romberg beschrieb in ihrem im August 2008 in der GEO erschienenen (und konsequenterweise online nicht verfügbaren) Artikel ›Die Zukunft des Lesens‹ diese Kompetenzverschiebung am Beispiel der hochgehaltenen Kulturtechnik Lesen:
»In letzter Zeit ertappe ich mich häufig dabei, dass ich beim Zeitungslesen zuerst den Schluss eines Artikel überfliege. Und nur gelegentlich, je nach Laune und Interesse, über die Mitte zum Anfang zurückzappe. Beim Bücherlesen fange ich oft schon nach wenigen Dutzend Seiten an, vorauszublättern, womöglich einen Blick aufs Ende zu werfen — selbst dann, wenn ich am Inhalt interessiert bin. Häufig lese ich mehrere Bücher parallel. Manche bleiben so lange aufgeschlagen liegen, bis sich eine feine Staubschicht auf ihnen gebildet hat. Wie viel ich im Internet lese, kann ich gar nicht mehr sagen. Und noch weniger weiß ich, ob das, war ich darin tue, den Namen ›Lesen‹ überhaupt verdient.«
So weit, so kritisch. Andererseits beschreibt sie anschließend die sich dabei entwickelnde Kompetenz schnell große Mengen an Information zu sichten, zu sortieren und für sich relevantes auszufiltern. Lesen wird ein selbständigerer Vorgang. Statt mich einem Autor anzuvertrauen und von ihm duch seine Gedanken führen zu lassen, nehme ich selbst die Regie in die Hand.

Wie seht Ihr das? Sehr Ihr mehr Chancen oder doch eher die Risiken, wenn die Medialisierung die Welt verändert – und uns gleich mit?
Fragende Grüße aus Heidelberg schickt Euch
Stephen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: